Styriarte - Die steirischen Festspiele
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HEIMAT BIST DU - Eine Bilanz

Zum 25. Geburtstag wählte sich die styriarte ein Thema, das sich mit den Mitteln der Musik auf die Suche nach dem ganz Eigenen machte. „Heimat, bist du …“ postulierte das Festival mit Paula von Preradović als Motto, und rund 50 Veranstaltungen füllten die offenen Stellen hinter dem Zitat mit den unterschiedlichsten Anschauungen und Bildern von Österreich. Um am Ende kein einheitliches Bild, sondern vielmehr ein Kaleidoskop von Anschauungen entworfen zu haben, das der heimlichen, humorvoll-ironischen Grundmelodie dieses Festivals, Ernst Kreneks Satz aus seinem „Reisebuch in die österreichischen Alpen“, sehr nahe kommt: „Unglaube gegen uns selbst ist zutiefst in uns verwurzelt, was anderen selbstverständlich, ist uns Problem.“ Allerdings ein Problem, das immer wieder besprochen und besungen werden kann, denn was Österreich wirklich ist, darauf gibt es so viele Antworten wie Menschen, die zu antworten versucht haben.

Die Ambivalenz des Festivalmottos mag am besten darin beschrieben sein, dass das titelgebende Hauptstück, Smetanas „Má vlast“, ein dezidiert antiösterreichisches Stück ist, konzipiert als klingendes nationales Erweckungsopus der Tschechen, die sich von fremder Oberhoheit endlich emanzipieren wollten. Nikolaus Harnoncourt legte in seiner exemplarischen Deutung mit dem Chamber Orchestra of Europe das Wesen des in seiner Gesamtheit raren und selten zu hörenden Zyklus‘ offen. So populär die „Moldau“ auch sein mag, nichts ist in diesem gewaltigen Stück harmlos, nichts idyllisch. Alles hingegen Aufruhr und politische Dramatik, in denen slawische Wildheit und Ursprünglichkeit als Qualität gegen westliche Hegemonie gestellt wird. So wenig illusionär und so drastisch ernst hat man den Orchesterzyklus wohl selten gehört.

Aber auch ganz an den eigenen österreichischen Wurzeln leistete Nikolaus Harnoncourt Erkenntnisarbeit. Haydns „Schöpfung“, in einer sensationellen Wunschbesetzung an Sängersolisten sowie mit dem Arnold Schoenberg Chor und dem Concentus Musicus Wien erarbeitet, entpuppte sich als aufgeklärte Großtat eines gläubigen Vernunftmenschen, der moderne Wissenschaft und Fragen nach den ersten und letzten Dingen in genialen Einklang zu bringen vermochte. So weit Harnoncourts Haydn vom üblichen Gemütston entfernt ist, so befreiend blickt er auch auf Mozarts angebliche „spielerische Leichtigkeit“, indem er dessen „Exsultate, jubilate“ zu einer Offenbarung der Innerlichkeit formte. Zusammen mit der c-Moll-Messe war das heurige Programm in der Stainzer Kirche durchglüht von der Passion, den wahren, den echten Mozart zu zeigen. Den Komponisten, den sicher alle Welt mit der Heimat Österreich assoziiert und über den dennoch soviel Neues zu sagen ist – wie das Hörbarmachen des ganz persönlichen Bezugs von Mozarts c-Moll-Messe im Spannungsfeld zwischen Geburt und Tod seines ersten Kindes. Nikolaus Harnoncourt – im Prinzip skeptisch gegen die Verknüpfung von Künstlerbiographie und Werk – legte hier offen, warum die Messe gar nicht so fragmentarisch ist, wie eigentlich angenommen.

Heimat – das ist für Österreich immer auch die Frage nach Zentrum und Peripherie, nach Weltreich und Nachkriegsrealität. Der Balkan und der Vielvölkerstaat waren dabei natürlich im Fokus der Aufmerksamkeit – und eines der aufregendsten Erlebnisse bescherte dem styriarte-Publikum wieder einmal der Ausnahmepianist Pierre-Laurent Aimard mit seiner pianistischen Spurensuche um Bartók und die Folgen. In ihrem „Heimatsaal“ folgte die styriarte den Spuren vergessener oder verborgener Schätze – Miriam Anderséns aufregende Rekonstruktion der Musik von Walther von der Vogelweide führte an den Hof der Babenberger, Sarband und Vladimir Ivanoff erzählten von den Beobachtungen, die der türkische Reisende Evliya Celebi in Wien 1665 machte, und Elisabeth Orth las das ergreifende Kriegstagebuch Paula von Preradovićs, das ganz nah an die Geburtsstunde des neuen Österreich führt. Ein neues Österreich, das heuer in der styriarte vielfach klingen konnte, von der echten Volksmusik auf der Landpartie ins Museumsdorfes Stübing bis zu Christian Muthspiels Performance zu Jandl, von Sandy Lopicics Balkanjazz bis zu Berndt Luefs Robert-Stolz-Traditionals, von den Schubertparaphrasen der Wiener Clarinet Connection bis hin zu Thomas Bernhards bissigen „Meine Preise“, rezitiert von Peter Simonischek.

Das alte Österreich kam dagegen in einer ganzen Reihe von komponierenden Habsburgerkaisern zu Wort und deren Hofkomponisten, von denen Johann Joseph Fux heuer die herausragende Stellung einnahm, steht das Jahr doch ganz im Zeichen von dessen 350. Geburtstag. Die styriarte sah es als ihre genuine Aufgabe an, den immer noch verkannten, den als schwierig verrufenen Fux als Sohn der Steiermark ins musikalische Bewusstsein zu rufen. Im „Fest für Fux“ gab es veritable Entdeckungen zu machen, als in zahlreichen Programmen nicht nur der Kirchenmusiker, sondern auch der Unterhaltungskomponist Fux aufscheinen konnte. Seine mitreißenden Ballette ertönten im Programm „Wien 1683“ und seine virtuose Konzertmusik fand im belgischen Ensemble b’rock beredte Fürsprecher. Jordi Savall, eine aufsehenerregende Solistenschar, der Arnold Schoenberg Chor und Le Concert des Nations war das größte Projekt des Fuxjahres überantwortet, die Aufführung der Oper „Orfeo ed Euridice“ in der Inszenierung von Thomas Höft. Hier wurde nicht nur eine Lanze für den Melodiker Fux gebrochen, sondern ein überaus lohnendes Werk ins große Rampenlicht gestellt.

Die Neuentdeckungen der styriarte waren der Dirigent Oswald Sallaberger, der als Einspringer mit Kreneks Reisebuch „ausreiste, die Heimat zu entdecken“, zusammen mit recreation-Großes Orchester Graz und dem hinreißenden Sänger und Österreichexegeten Wolfgang Holzmair. Dazu das famose, bejubelte belgische Barockorchester b’rock und vor allen anderen die mit Ovationen bedachte Sängerin der Proserpina in Fux’ „Orfeo“, Roberta Mameli. Und mit ganz jungen Musikern ging die styriarte urkomisch zu Ende, in einer Koproduktion mit der Kunstuniversität Graz zeigten junge Gesangsstudenten ihr komödiantisches Talent in Monteverdis Achtem Madrigalbuch in der brillanten Regie des Commedia dell’Arte Virtuosen Adrián Schvarzstein.

Der Budgetrahmen der styriarte 2010 betrug EUR 2,8 Mio., wovon 1,3 Mio. aus Karten- & Sponsoreinnahmen und 1, 5 Mio. aus Finanzbeiträgen der öffentlichen Hand, insbesondere dem Land Steiermark und der Stadt Graz kommen. Die styriarte 2010 erfreute fast 30.000 Besucher und erreichte so wieder einen Auslastungsgrad von über 90%.