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Standen jeweils Jahresregenten wie Johann Sebastian Bach, Claudio Monteverdi, Joseph Haydn, Franz Schubert, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und Felix Mendelssohn im Mittelpunkt der ersten styriarte-Jahre, stellt die styriarte seit 1992 ihr Programm in thematische Zusammenhänge. Die Programme der einzelnen Festivaljahre stehen demnach nicht für sich allein, sondern ergeben einen Gesamtzusammenhang, in dem das jeweilige Thema grundsätzlich beleuchtet wird.
Zu allen Zeiten haben Künstler die Nacht enthusiastisch besungen – das erste Thema der styriarte, die sich in den Jahren zuvor einzelnen Komponisten gewidmet hat.
Für die Menschen der Renaissance öffnete die Nacht im Traum die Pforten des Himmels, in der Melancholie die Abgründe der Seele. Für die höfische Gesellschaft des Barock und Rokoko wurde sie zum illuminierten Festsaal unendlicher sommerlicher Verngügen. Die Romantiker entdeckten in ihr die Nachtseiten der menschlichen Existenz und mehr. Vielfältig und weitläufig also ist das Netz der Beziehungen zwischen Nacht und Musik.
Das Motto dazu lieferte William Shakespeare mit seiner Komödie A Midsummer Nights’s Dream. Bildet diese quasi den Brennpunkt des Programms, so ist wie bisher Nikolaus Harnoncourt die künstlerische Zentralfigur des Festivals. Er nähert sich dem Shakespeare-Stoff in zwei ganz verschiedenen Deutungen: in Mendelssohns Schauspielmusik zum Sommernachtstraum und in Purcells schönstem Bühnenwerk, The Fairy Queen. Mit Mendelssohns Erster Walpurgisnacht präsentiert Harnoncourt das dämonische Gegenbild zum Sommernachtstraum, und damit eine der vielen Facetten des Themas, die die styriarte in einer phantastischen nächtlichen Reise vom Mittelalter bis in die Gegenwart aufgreift.
Barocke Schlösser, Kirchen, Kalvarienberge – sie prägen das Bild der Stadt Graz und ihrer Umgebungen, und sie erhalten ihr musikalisches Gesicht in den Konzerten der styriarte ’93.
„Raum und Klang“ ist das scheinbar abstrakte Programm des Festivals. Doch das Thema wird schnell konkret, wenn es nicht erfüllt wird, wenn Stücke nicht zum Raum passen, wie es heute allerorts täglich geschieht. Die styriarte ’93 sucht deshalb für Musik von Monteverdi bis Schumann die richtigen Räume, und sie hat es leicht im unerschöpflichen Ambiente von Graz.
So umfangen den Hörer barocke Raum-Klang-Erlebnisse rund um den Jahresregenten Claudio Monteverdi (Venezianische Vesper im Dom, Madrigali unter den Arkaden des Landhaushofs), ebenso wie Trauer- und Festmusiken der Habsburger Kaiser (Lamento im Mausoleum, Fux in Mariatrost), oder Freiluft-Divertiment für Bläser (Schloss Eggenberg) und Streicher-Concerti in Klausur (Minoritensaal).
So holen Klassik und Romantik fremde Lebensräume und ihren Klang in die Steiermark: In Schumanns „Rheinischer“ wird ihn Nikolaus Harnoncourt auf seine kompromisslose Weise entdecken. Er, aber auch das Domus-Quartett aus London führen Mozart auf die Reise nach Prag. Souvenirs aus Italien sendet das Chamber Orchestra of Europe – kurzum: Bei der styriarte ’93 reichen einander Raum und Klang die Hand. Und Höfe, Kuppeln und Gewölbe werfen dem Hörer das vielstimmige Echo dieses Handschlags zurück.
Dem Musikhörer unserer Tage geht es gut: Er kann aus einem unbeschränkt breiten Angebot an Musikstilen auswählen, und selbst wenn er sich nur der abendländischen Kunstmusik verschreibt, ist ihm die Vielfalt beinahe unüberblickbar. Geht es dem Musikhörer unserer Tage wirklich gut? Bietet ihm das breite Angebot eine Heimat, deren musikalische Sprache er versteht, in der er sich sicher fühlt, die er verteidigen würde?
Zu verteidigen war die musikalische Sprache immer dann, wenn bahnbrechende Komponisten alte Ordnungen in Frage stellten, schlimmer: wenn die Wortführer von derlei Revolutionen ein neues Zeitalter der Kunst für angebrochen erklärten – ein „ars nova“ im 14. Jahrhundert, die „nuove musiche“ um 1600, den „neuen melodischen Stil“ um 1730, wieder eine „Neue Musik“ in unserem Jahrhundert.
Die styriarte ’94 verteidigt nichts. Sie stellt die Vielfalt musikalischer Sprachen zur Diskussion, indem sie deren Bruchlinien präsentiert: Brüche, die unsere Vorfahren aufzuregen vermochten, die Auseinandersetzungen provoziert und quasi Schlagzeilen gemacht haben. Die styriarte ’94 geht noch einen Schritt weiter: Sie sucht in ihren Programmfolgen nach Brücken, die sich weit über die Grenzen stilistischer Revolutionen spannen. Und sie findet: Die Brüche von gestern haben die Brücken von vorgestern bereits enthalten.
Unsere Epoche, das technische Zeitalter, ist in Verruf geraten. Grenzen des Machbaren sind erreicht, die Ehrfurcht vor der Schöpfung und vor der Macht des ganz anderen kehrt zurück. Und mit ihr der Mythos, die Sage, die das Unerklärbare in Worte und Bilder fassen.
Musik war seit jeher Träger des Mythos. Sie galt als Sprache der Götter, als Gesang der Sphären, als Abbild des Kosmos. Im Barock ist dieser Zusammenhang noch intakt. Orpheus erfindet singend die Oper, und Apoll, sein Vater, leiht den Herrschern ebenso sein Symbol, die Sonne, wie seine Musik, das Konzert der Musen. Der Komponist wird selber Orpheus oder Apoll.
Mit der industriellen Revolution schwindet die Macht der Sage, und Musiker fangen an, sie zu beschwören: in der Natur, im christlichen Mythos, in der Exotik des Orients.
In der Gegenwart herrscht die totale Information. Scheinbar macht die nicht nur glücklich, denn der Mythos ist wieder erwacht: gebraucht oder missbraucht als Zufluchtsort in einer rationalisierten Welt.
Die styriarte ’95 macht sich auf die Suche nach diesen Spuren des Mythos. Drei große Mythensammlungen, die antiken „Metamorphosen“, das christliche Epos „Paradise lost“ und die orientalischen „Märchen aus 1001 Nacht“ dienen ihr als Ausgangspunkt für eine musikalische Entdeckungsreise zu Archetypen unserer Kultur.
Im Begriffswirrwarr unserer Medienwelt ist ohne Unterlass von „Klassik“, von „klassischer Musik“, von „Klassikern“ die Rede. Man warnt ironisch: „Achtung, Klassik!“, man gönnt sich ein „Classical“-Label: immer schwingt dabei der Hauch des Besonderen mit. Ein Begriff, der auf unerklärliche Weise Ehrfurcht erzeugt, dient so zur bequemen Schublade für die gesamte europäische Kunstmusik zwischen 996 und 1996. Die styriarte '96 hat sich zum Ziel gesetzt, diesem Etikett und seiner Aura auf den Grund zu gehen. Sie stellt die durchaus provokant gemeinte Frage: Ist Musik einfach klassisch? Und weiter: ist einmal klassisch immer klassisch?
Der Blick der styriarte fällt einmal auf klassische Werke, die heute vergessen sind, wie Haydns Oratorium Il ritorno di Tobia, und auf Werke, die nie zum Pantheon zugelassen wurden, wie Robert Schumanns Oper Genoveva. Beide sind in Aufführungen unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt zu hören.
Haydn, Mozart, Beethoven, die „Wiener Klassiker“, stehen im Mittelpunkt der Steirischen Festspiele. Einerseits suggerieren ihre Werke klassische Qualitäten aus sich selbst – Ebenmaß, Schönheit, Klarheit –, andererseits war auch ihre Musik im Ursprung Neue Musik. Wer würde behaupten wollen, dass Haydns Quartette von Beginn an als „klassisch“ galten? Friedrich Nietzsche ging so weit zu fragen, „ob unsre Musik nicht im Widerspruch zu allem classischen Geschmack gewachsen ist, so dass sich in ihr jede Ambition der Classizität von selbst verböte.“
In diesem Sinne untersucht die styriarte '96 klassische Denkmäler europäischer Tonkunst auf ihre „Ambition der Classizität“: Josquin und Monteverdi, Lully und Corelli, Bach und Händel, Haydn und Mozart, Beethoven und Schubert. Was ist an ihnen „einfach klassisch“, was zur Klassik stilisiert?
Franz Schubert und Johannes Brahms umspannen das 19. Jahrhundert und sind doch durch ihr Saeculum nicht begrenzt. Die Musik beider Komponisten gab Versprechen für die Zukunft, die erst das 20. Jahrhundert einlöste. Schubert und Brahms als Personen, das Fragmentarische und das Monumentale als Ideen – sie bezeichnen das Spannungsfeld, in dem sich die styriarte ’97 ausdehnt.
Schon in Franz Grillparzers Grabrede für Franz Schubert kommt das Fragmentarische im Werk des Wiener Komponisten zum Ausdruck: „Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schoenere Hoffnungen“. Grillparzer dachte dabei an die großen Gattungen Oper und Sinfonie, die Schubert „unvollendet“ hinterlassen hatte. Was Grillparzer nicht ahnen konnte, das war die Revolution in Schuberts Kammermusik und Klaviersonaten. Noch für die Spätromantik ein Schock, sind die „schoenen Hoffnungen“ dieser radikalen Musik erst durch die Interpreten und Komponisten des 20. Jahrhunderts erfüllt worden.
Johannes Brahms war für seine Zeit ein Monument, und er ist es heute: ein Meister, der die Abrundung seines Lebenswerks bewusst anstrebte und erreichte. Nirgends wird dieses Abgeschlossene deutlicher als in den vier Symphonien, die Nikolaus Harnoncourt mit dem Chamber Orchestra of Europe zur styriarte ’97 erstmals zyklisch vorstellt – als Fortsetzung seiner großen Schubert- und Beethoven-Zyklen im Rahmen der steirischen Festspiele. Man muss jedoch nicht erst auf die zahllosen Einspielungen der Brahms-Symphonien hinweisen, um die Gefahren der Vollkommenheit zu erkennen: Eingeschweißt in eine verflachte Aufführungspraxis wird heute an Brahms‘ Werken vor allem das klassizistisch Monumentale gesehen. Im frühen 20. Jahrhundert formulierte Arnold Schönberg jedoch eine andere Sicht, die Brahms als Wegbereiter des Expressionismus und der Moderne begriff. Dies ein Ziel für die styriarte ’97: Brahms aus dem goldenen Käfig des Vollkommenen zu befreien und auch an ihm die schoenen Hoffnungen des Modernen und Experimentellen, die „Neuen Bahnen“ (Schumann) zu entdecken.
Die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies ist eine Urfabel der Menschen; der Traum, dorthin zurückzukehren, ein Urmotiv der europäischen Kunst. Den Garten Eden wiederfinden, die verlorene Unschuld wiedergewinnen mit den Mitteln der Kunst: Dieser Traum wurde in der europäischen Musik des fast vergangenen Jahrtausends vielfach Wirklichkeit, und die styriarte ’98 träumt ihn auch.
Zurück an den Ursprungsort der Fabel, in den orientalischen Garten Eden, führt Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“, in dem ein gefallenes Himmelswesen, eine Peri, den Orient durchstreift, um einen Schlüssel zum verlorenen Paradies zu finden. Nikolaus Harnoncourts Deutung von Schumanns Erlösungsmärchen ist zentrales Ereignis des Festivals.
Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, Musik der Heiligen Hildegard von Bingen und zwei der bedeutendsten Messen der Musikgeschichte repräsentieren die christliche Heilsvorstellung. Mit Joseph Haydns „Harmoniemesse“ setzt Nikolaus Harnoncourt seinen Haydn-Zyklus in Stainz fort; mit Palestrinas „Missa Papae Marcelli“ kehren die vielgepriesenen Tallis Scholars zur styriarte zurück.
Der Konflikt zwischen Orient und Okzident kommt in den Programmen der styriarte mehrfach zum Ausbruch. Joseph Haydns christlicher Ritter Rinaldo verfängt sich im Paradies der orientalischen Zauberin Armida, das er am Ende zerstört, um zur Befreiung Jerusalems aufzubrechen: Nikolaus Harnoncourt dirigiert Haydns bedeutendste Opera seria „Armida“ mit Cecilia Bartoli in der Titelrolle. In Monteverdis „Combattimento“ öffnet Rinaldos Mitstreiter Tancredi der Heidin Clorinda den Weg ins christliche Paradies durch Taufe und Schwert. Mit dem Schwert zerstörten die katholischen Könige Spaniens das Paradies der iberisch-moslemischen und der indianischen Reiche – ein Thema für Jordi Savall und sein Ensemble Hespèrion XX. Lesungen der styriarte heben diesen Aspekt in Texten von Torquato Tasso und Dostojewskij hervor.
Auch im 19. Jahrhundert erfüllte sich der Traum vom Garten Eden in fremden Ländern. Franz Liszt träumte ihn in den üppigen Gärten der Villa d‘Este bei Rom. Tschechische Auswanderer fanden ihr Paradies mitten in den Maisfeldern von Iowa, was Antonin Dvorák in seinen amerikanischen Kammermusiken verherrlichte.
Paradiese des Geistes, Rückprojektionen in den Zustand der Unschuld, runden das Thema ab: die Vorstellung vom antiken Schäferland Arkadien, die Verklärung der Kindheit, das „Zurück zur Natur“ der Aufklärung. Immer verband sich mit diesen geistesgeschichtlichen Phänomenen die Musik. In ihr wurde und wird die Rückkehr ins Paradies sinnliche Wirklichkeit.
Erklär mir, Liebe! - Mit diesen Worten wandte sich Ingeborg Bachmann in einem Gedicht an die Liebe selbst, um ihr Rätsel zu ergründen. Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann. – Doch die Liebe hat sich nicht erklärt. Sie ist dem Menschen unergründlich, zeitlebens. Aber spricht sie ihr Geheimnis nicht eben in den Worten der Dichter, in den Tönen der Musiker aus?
In einem großen Panorama europäischer Kulturgeschichte sucht die styriarte '99 nach Worten und Tönen der Liebe - vom hohen Mittelalter bis zur Gegenwart. Vieles davon ist unmittelbar verständlich: Wenn ein Dichter wie Ronsard den Körper seiner Geliebten in erotischen Metaphern umschreibt, und die Komponisten seiner Zeit dazu gewagte Akkordfolgen erfinden, so erscheint uns diese Liebeserklärung heute so aktuell wie vor 450 Jahren. Immer wieder haben Künstler dabei aus der Fülle der eigenen Erlebnisse geschöpft: Der junge Mozart umwarb seine Geliebte Aloysia Weber mit Arien, die nichts als Liebeserklärungen sind; der etwas ältere Schumann porträtierte die junge Clara Wieck in vielen Klavierstücken; der 73jährige Janácek widmete seiner späten Muse ganz unverhüllt sein ekstatisches zweites Streichquartett.
Vielleicht noch moderner wirken Kunstwerke, in denen die Gebrochenheit der Liebe zum Ausdruck kommt - etwa die „Alt-Rhapsodie“ und die Kantate „Rinaldo“ von Johannes Brahms. Nikolaus Harnoncourt widmet diesen Werken eines seiner styriarte-Programme mit dem Chamber Orchestra of Europe.
Andere Liebes-Erklärungen sind an einen kulturgeschichtlichen Kontext gebunden, der uns fremd geworden ist. Ob Monteverdi mit höchster Inbrunst die Jungfrau Maria feiert oder Bach mit nicht minder erotischen Metaphern die Unio mystica mit Jesus besingt, es spricht aus beiden ein barockes Liebesgefühl, das wir kaum mehr teilen, das wir aber immer noch bewundern können.
Die Heldinnen und die Helden der Oper bedürfen scheinbar keiner Rechtfertigung. Ihr Metier war von jeher die Liebe. Orfeos Liebesklage, Didos Sterbegesang, Don Giovannis Verführungen und Isoldes Liebestod sind Ikonen der Liebe auf dem Theater. Und doch darf man fragen, ob hier wirklich alles so ungebrochen, selbstverständlich sich darstellt, wie es die jahrhundertelange Aufführungstradition suggeriert. Die styriarte '99 stellt auch die Liebe auf dem Theater dar und in Frage – sei es durch Neudeutung, wie bei Harnoncourts Wagner-Debüt oder in einer szenischen Produktion von Monteverdis „Orfeo“, sei es durch die Hinwendung zur menschlicheren Nuance: dem Lied, der Kammermusik, dem Schlager.
Erklär mir, Liebe – wir sind guter Hoffnung, dass in den Programmen der styriarte 99 die Liebe zu reden anfängt.
„Lasst uns ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“ – sprach der Herr, als er vor der gigantischen Baustelle der Stadt und des Turms zu Babel stand. Und doch konnte er sein Volk dadurch nicht abhalten, weiter Stadt um Stadt, Turm um Turm zu errichten, um sich „einen Namen zu machen“. Global village heißt die jüngste Baustelle, die Bauleute sprechen wieder eine gemeinsame Sprache – komischer Name: HTML –, nur wächst der Turm diesmal nicht in den Himmel, sondern umspannt in feinen Glasfieberfäden den Globus. Auch die styriarte hat sich in diesem Turm eingerichtet, in einem Zimmer auf Virgin Islands, Anschrift: www.babel.vg. Herrlicher Ausblick auf die Karibik, und man ist so schnell daheim, als wohnten wir in Geidorf.
Der Turmbau zu Babel, die biblische Erzählung von der ersten Stadtgründung der Menschheit, ist Bild für unsere Herkunft: Babel, die Urstadt – Modell für kulturelle Organisation; die babylonische Sprachverwirrung – Urgrund der kulturellen Vielfalt.
Die Vielfalt der Kulturen ist denn auch ein roter Faden in unserem Programm: Wo Muslime, Juden und Christen oder die christlichen Konfessionen miteinander lebten, war neben der sprachlichen auch stilistische Vielfalt das Ergebnis – im maurischen Spanien, in Byzanz/Istanbul, im Sachsen der Bachzeit, wo ein Lutheraner die größte katholische Messe schrieb. Das Weltreich Karls V. war die letzte Beschwörung lateinisch-katholischer Welteinheit vor der Emanzipation der Nationen. Im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn ereignete sich unter dem Dach der Einheit die Emanzipation der Völker auch in der Musik. Das sind Geschichten, die die styriarte 2000 erzählt.
„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, „Wahre Eintracht“, „Lux aeterna“ - die Vorstellung von einem besseren Leben in einer befriedeten Welt ist so alt wie die menschliche Gesellschaft selbst, und so verschieden wie die Gesellschaftsordnungen waren auch deren utopische Entwürfe. Thomas Morus und die anderen Klassiker der politischen Utopie haben ihre Gegenstücke in der Kunst, auch und gerade in der Musik, die sich der Zensur viel weiter entziehen konnte als Literatur oder Philosophie.
Den Menschheitstraum von einer besseren Welt zeichnet die styriarte 2001 in vielen seiner Facetten also musikalisch nach, mit seinen Licht- und Schattenseiten. In der abendländischen Kultur wurde über Jahrhunderte die christliche Vision von Lohn und Glück im Jenseits gepredigt. In ihrer innerlichsten Form, bei Bach, spricht sie uns noch heute unmittelbar an. Mittelalterliche Entwürfe vom Gottesstaat, wie sie die Gesänge der Mönche widerspiegeln, stammen aus einer archaischen Welt. Olivier Messiaen ließ diesen mittelalterlichen Traum im 20. Jahrhundert in machtvollen Klängen noch einmal aufleben, während der Agnostiker Verdi die christliche Utopie in seinem Requiem dramatisch mit den Ängsten der Menschen konfrontierte. Nikolaus Harnoncourt dirigiert dieses Werk erstmals in der styriarte 2001. In der Aufklärung ersetzte die Vernunft den Glauben als utopische Instanz. Der kurze Traum einer aufgeklärten Gesellschaft von oben, wie ihn Friedrich II., Carl Theodor von der Pfalz und Joseph II. träumten, war vom Klang des galanten Zeitalters umhüllt. Die große Revolution, die Ernst machte mit der neuen Gesellschaft, fegte dieses Arkadien hinweg. Haydn und Beethoven reagierten darauf, jeder auf seine Weise: Nikolaus Harnoncourt dirigiert die träumerischste der späten Haydn-Messen, die „Theresienmesse“, neben Beethovens Trauerkantate für Joseph II. Und gemeinsam mit Pierre-Laurent Aimard spürt er in Beethovens zweitem Klavierkonzert dem Elan der Revolutionszeit nach. Auf deren umkämpfte Utopie folgten Restauration und der brandneue Kapitalismus. Franz Schubert wurde im Polizeistaat Metternichs zum Sprachrohr einer Generation ohne Zukunft, die im „unendlichen Liebestraum“ seiner Musik in „beßre Welten“ vorzudringen versuchte. In den Pariser Salons feierte derweil die neue feine Gesellschaft Chopins Musik. Im 20. Jahrhundert nehmen die Spannungen zu, politisch wie künstlerisch. Utopien entpuppen sich als grausame Unterdrückungssysteme und provozieren ebenso heftige Reaktionen in der Kunst. Schostakowitsch gegen Stalin, Viktor Ullmanns Theresienstadt-Oper „Der Kaiser von Atlantis“ gegen die Hitler-Diktatur, Israel und New York als Rettungsinseln für Flüchtende – überall errichtet die Kunst Fanale gegen mörderische Heilslehren.
Was bleibt davon 2001? Nicht nur die großen Illusionen der Traumfabrik Hollywood, sondern auch der Glaube an die stille Macht der Kunst, der die styriarte trägt.
Der Glaube versetzt Berge, auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Sehnsucht nach dem Göttlichen ist von einer Kraft, der keine Ideologie standhält. Den Blick nach oben gerichtet, haben Menschen die größten Leistungen der Zivilisation vollbracht, die grausamsten Zerstörungen ebenso. Im Spiegel der Musik fingen sie ihre Nöte und Bitten ein und sandten sie gen Himmel. Zahlenmäßig geordnet wie der Kosmos, abstrakt wie die Geheimnisse der Schöpfung und doch beredt wie ein Gebet ist die Musik ein Himmelskind – Symbol des Göttlichen und zugleich eine Sprache, in der wir mit Gott zu kommunizieren scheinen. Deshalb haben Menschen und Musiker immer wieder auf die Macht der Musik vertraut, wollten sie dem Göttlichen näherkommen.
Die styriarte 2002 zieht eine Summe der nach oben gerichteten Gesänge aus einem Jahrtausend. Wallfahrt und Messe, Litanei und Gebet, Te Deum und Ave Maria, Choral und Hohes Lied, jüdische, moslemische und christliche Gesänge durchdringen sich und lösen einander ab. Im ewigen Kreislauf der Anrufung Gottes stehen die Menschen und ihre Nöte im Mittelpunkt: In Haydns „Heiligmesse“ erzwingt Nikolaus Harnoncourt nach fünf späten Haydnmessen noch einmal Gottes Gnade in kriegerischer Zeit. Cecilia Bartoli leiht ihm dafür ihren himmlischen Sopran. Mit einem Pilgerlied auf den Lippen fliehen Bauern vor den Türken, mit den Prunkgesängen eines Johann Joseph Fux feiert der Wiener Hof den Sieg über seine Feinde. In seinen Sterbemotetten für reiche Leipziger betrauert der Thomaskantor Bach auch den Tod seiner eigenen Kinder. Frohlockend und heiter schmückt sich die Braut für Gott, in Bachs Orgelchorälen wie in Hohelied-Gesängen. Geheimnisvoller reden die großen Instrumentalwerke des 19. Jahrhunderts von Gott. Mit Beethoven und Schubert hielt die Erfahrung der Transzendenz Einzug in Symphonie, Sonate und Streichquartett: als „heiliger Dankgesang“ bei Beethoven, als totale Erschütterung und doch voller Sehnsucht beim späten Schubert. Brahms und Bruckner, Mendelssohn und Franck setzten diesen Weg fort. Ihre „absolute Musik“, scheinbar nur „tönend bewegte Form“, redet überdeutlich vom Geheimnis der Gottheit – bis hin zu den Offenbarungen eines Olivier Messiaen.
Interpreten wie Markus Schirmer, Pierre-Laurent Aimard, Eszter Haffner und das Quatuor Mosaïques überschreiten in ihren Konzerten die Grenzen zur „Macht des ganz Anderen“. Dramen des Glaubens spielen sich auf den Bühnen der styriarte 2002 ab: Händel im Stefaniensaal, hin- und hergerissen zwischen dem italienisch-frechen Luzifer seiner frühen „Resurrezione“ und dem englisch-robusten Halleluja seines „Messias“, „Cantigas de Santa Maria“ aus dem mittelalterlichen Spanien mit Jordi Savall in der romanischen Basilika von Seckau, Hasses mythologisches Drama von Pyramus und Thisbe im styriarte-Festspielhaus. Und draußen, über den Dächern der steirischen Hauptstadt, erklingt das Drama der Glocken, das man vom Schlossberg aus erleben kann.
Drama, Gesang und instrumentales Gebet – drei Felder, auf denen sich die styriarte 2002 dem Göttlichen nähert.
Für die einen ist sie „Sprache des Gefühls“, für die anderen schlicht „anspruchsvolle Unterhaltung“, wieder andere hören aus ihr ein „Gespräch unter vernünftigen Leuten“ heraus. So vielfältig wie die Versuche, Musik zu definieren, sind auch ihre Wirkungen. Und doch bleibt ihre Macht über die Herzen immer ein Rätsel, ihr Zauber unerklärlich.
Die styriarte 2003 macht sich auf die Suche nach den Wurzeln jener geheimnisvollen Macht. Sie sucht sie in Momenten des menschlichen Lebens, die ohne Musik nicht vollständig wären: Tanz und Fest, privates Glück und öffentlicher Freudentaumel, Gotteslob und Trauer.
Feste geben der styriarte 2003 ein neues Gesicht: ein Fest für Orpheus, ein Fest für Hugo Wolf, Don Giovannis Festmahl und „Tanz.fest“ für Tanzfeste. Musik wird ins Leben gestellt, an die Tafel, aufs Parkett und in den weiten Raum zwischenmenschlicher Beziehungen. Im neuen „Festspielhaus“ der styriarte und in Schloss Eggenberg finden diese Abende ihren angemessenen Rahmen.
Schon sein Motto verdankt das Festival einem Fest: „Alexander’s Feast“ in der barocken Sicht von Dryden und Händel. Diese grandiose Ode auf „die Macht der Musik“ wird dank Nikolaus Harnoncourts packender Interpretation zur Metapher für das Festival: Menschen versammeln sich am besonderen Ort, um sich von der Musik erheben zu lassen. Dies kann durch schiere Virtuosität geschehen wie in einem Klavierkonzert mit Pierre-Laurent Aimard, durch barocke Sinnenlust wie in den Caecilienoden Händels und Purcells, oder durch die Einheit von Wort und Ton in Goethevertonungen Beethovens, Mendelssohns oder Schuberts. Nikolaus Harnoncourt ist in diesen Manifestationen des Erhabenen der Regisseur der Affekte bei der styriarte 2003.
Und in Jacques Offenbachs Operette „Die Großherzogin von Gerolstein“ geht Harnoncourt den „leibhaftigen Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen“, wie Karl Kraus gesagt hätte. In der französischen Urfassung, mit der großartigen Marie-Ange Todorovitch in der Titelpartie und dem Chamber Orchestra of Europe ist die „Grande-Duchesse“ die Musiktheater-Produktion der styriarte 2003 - Premiere sowohl für die neue Helmut-List-Halle als styriarte-Opernbühne wie auch für Jürgen Flimm als styriarte-Regisseur. Um das große Offenbach-Ereignis kreisen kleinere: Offenbach als Cellist, Offenbach durch die Brille von Karl Kraus, und eine Hommage an die erste Wiener „Großherzogin“, Marie Geistinger.
Die Macht des Gesangs ist nicht nur bei Offenbach und Händel ein Thema. Eine eigene Reihe von Konzerten widmet sich dem Singen und seinen Mythen. Der antike Sänger Orpheus geht seinen modernen Nachfahren voran: dem „Troubadour“ René Zosso, den Meistern des Lieds Wolfgang Holzmair und Florian Boesch, den Sängern von Jordi Savalls Capella Reial. Instrumentale Klangfarben - Renaissancelaute und Barockoboe, Markus Schirmers Fazioli und die Darmsaiten des Quatuor Mosaïques - vervollständigen das styriarte-Kaleidoskop der Klänge.
Worin die Macht der Musik liegt, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Doch sie zu erfahren, dazu lädt die styriarte 2003 ein.
„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding... Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel, da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Und zwischen dir und mir, da fließt sie wieder, lautlos, wie eine Sanduhr...“ Was Hofmannsthals Marschallin über die Zeit sagt, könnte der styriarte 2004 als Motto dienen. Die steirischen Festspiele bewegen sich „von Zeit zu Zeit“: von der Lebenszeit zur Gotteszeit, aus der Vergänglichkeit in die Ewigkeit, zwischen den Tages- und Jahreszeiten und in den Zeiten der Musik, die man „Tempi“ nennt.
Bei der styriarte fließt die Zeit freilich nicht „lautlos wie eine Sanduhr“, sondern klangvoll - in den Rhythmen jener Kunst, die die Zeit wie keine andere fühlbar macht. Zeitschichten und Zeitabläufe werden in der Musik in sinnliches Erleben umgewandelt. Musik gliedert die Zeit, macht ihr Rieseln hörbar und hält sie zugleich an. Das „Verweile doch, du bist so schön“ wird in ihr zum erfüllten Moment, zur Illusion von Unendlichkeit.
Dank dieser Illusion konnten Komponisten in endlichen Klängen die ewige Ruhe der Toten beschwören. Nikolaus Harnoncourt und Stefan Vladar dirigieren bei der styriarte zwei große, selten zu hörende Requiem-Vertonungen. Sie stammen von zwei Komponisten, an deren Todestage sich die Musikwelt 2004 erinnert: Heinrich Ignaz Franz Biber, gestorben 1704, und Antonin Dvorák, gestorben 1904.
Die Frage, was jenseits des Lebens liegt, dort, wo die „Zeit ohne Zeit“ beginnt, hat Menschen immer bewegt. Telemann hat sie in seinem Oratorium „Der Tag des Gerichts“ mit dem Optimismus des Aufklärers beantwortet, Franz Schubert in seinem Lied „Gruppe aus dem Tartarus“ mit dem Schauder des Romantikers. Beide Stücke stehen auf dem umfangreichen Festivalprogramm von Nikolaus Harnoncourt. Wieder gesellen sich zu ihm Pierre-Laurent Aimard am Klavier und das Chamber Orchestra of Europe, der Concentus Musicus Wien und der Arnold Schoenberg Chor, internationale Gesangs- und Streichersolisten, um klassische Werke von Haydn, Beethoven, Schubert und Schumann in neuen Deutungen vorzustellen.
Telemann und Dvorák begegnen uns auch in anderen Programmen des Festivals - solchen, die sich den Zeitabläufen des Alltags widmen, dem reglementierten Fluss des Lebens und den (Ge-)Zeiten der Natur. Dabei dürfen Telemanns „Hamburger Ebb und Fluth“ ebenso wenig fehlen wie Haydns Tages- und Vivaldis Jahreszeiten.
Die Gotteszeit herrscht in den styriarte-Programmen mit Alter Musik vor 1700. Der Ablauf des Kirchenjahres wird in gregorianischen Gesängen nachgezeichnet, das alttestamentarische Buch Kohelet in Musik des Frühbarock gedeutet. Jordi Savall inszeniert ein monumentales Oratorium über die Welt und die Zeit aus dem Jahr 1600, Cavalieris „Rappresentatione di anima e di corpo“, und er erzählt in Musik die Lebensgeschichte eines herausgehobenen Menschen: der Gottesmutter Maria.
Ein eigenes Kapitel widmet die styriarte den Zeiten der Musik, den Tempi. Adagio, Largo, Presto und die eigenwilligen Zeitverläufe beim späten Schubert stehen hier auf dem „Time-Table“. Und schließlich gibt es auch wieder, wie 2003, Feste im Festivalkalender: ein Orgelfest, ein Fest der Vergänglichkeit, ein Mittsommerfest zur Eröffnung. So ist die Zeit bei der styriarte 2004 allgegenwärtig - in den Gesichtern, in den Schläfen, „um uns herum“ und „in uns drinnen“, wie Hofmannsthal gesagt hätte.
Fünf Sinne hat der Mensch. Sie bilden sein Tor zur Wirklichkeit. Nur durch Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken können wir die Welt um uns wahrnehmen: Dem sinnlichen Menschen widmet die styriarte 2005 ihr Programm.
Der Inbegriff weiblicher Sinnlichkeit steht am Beginn des Festivals: die Zigeunerin Carmen im verführerischen Klanggewand von Georges Bizets Musik. Nikolaus Harnoncourt und seine Carmen Nora Gubisch werfen die Netze mediterraner Sinnlichkeit über das styriarte-Publikum aus, Andrea Breth erzählt eine längst vertraute Geschichte neu.
Mediterran ist auch der zweite Opernheld des Festivals, doch ist er seiner Sinne nicht mehr mächtig: Orlando, der rasende Ritter Roland, stürmt sinnlos verliebt durch die Seiten des üppigsten italienischen Renaissance-Epos. Aus Ariosts „Orlando furioso“ machte Joseph Haydn seine tragikomische Oper „Orlando paladino“, konzertant vorgestellt von Nikolaus Harnoncourt.
Rund um die beiden Opernhelden entstehen ganze mediterrane Panoramen. Nietzsches Devise „il faut méditerraniser la musique“, der Begeisterung für „Carmen“ entsprungen, hat sich die styriarte 2005 auf ihre Fahnen geschrieben – von den „Folies d'espagne“ bis zu Ravels „Bolero“.
Ungetrübt sind auch die Sinneserfahrungen bei den kleinen und großen Festen der styriarte: Gaumenfreuden und Hörgenüsse gehen eine zwar zauberhafte, aber durchaus diesseitige Verbindung ein. Der große Esser Händel, der große Koch Rossini, Bach im Kaffeehaus und Orlando di Lasso im Weinkeller sind die Themen dieser Feste, in denen die Musik allein nicht ausreicht, um unsere Neugier zu stillen.
Der letzte Weg im Sinnenrausch des Festivals führt nach oben: Vom Tanz orientalischer Derwische bis zu den Tanzrhythmen in Bachs h-Moll-Messe reichen die Spuren jener Überzeugung, nach der man auch Gott nur auf sinnlichem Wege erfahren könne.
(Das Foto für das styriarte Sujet 2005 stellt die Retina einer Drosophila im Embryonalstadium dar, Claude Desplan, New York University, Department of Biology.)
„Alle Menschen wollen glücklich sein“ (Aristoteles bringt es wie immer auf den Punkt). Doch was stellen sie nicht alles dafür an! Man jagt das Glück oder will es zwingen, überlisten, festhalten – und mancher scheint es schlicht zu übersehen. Höchste Zeit also, dass sich die styriarte mit diesem flüchtigen Gut beschäftigt und 2006 meint: Endlich glücklich!
Welche Gefahren allerdings auf der Suche nach dem Glück lauern, das zeigt Goethes Figur des Faust geradezu sprichwörtlich. Und im rastlos suchenden Faust fand sich auch der Komponist Robert Schumann wieder. Seine überwältigenden Faust-Szenen wurden ihm zum Lebenswerk. Nikolaus Harnoncourt wiederum krönt mit der Grazer Aufführung seine eigene langjährige Suche nach der Seele der deutschen Romantik.
Wie selbstgewiss man dagegen auf die Schrecken der Welt reagieren kann, wenn man im festen Glauben auf ein besseres Jenseits lebt, zeigen Nikolaus Harnoncourt und sein Concentus Musicus mit den großen Kantaten Johann Sebastian Bachs unter dem Motto „Freue dich, erlöste Schar“.
Doch wo könnte das Glück auf Erden liegen? Für viele Komponisten jedenfalls waren es ganz bestimmte Orte, an denen sie zu sich selbst fanden. Und so folgt die styriarte Händel nach Rom, Haydn nach London, Mozart nach Prag oder Schubert ins Schilcherland,. Sie spürt das Glück der Kindheit in Schumanns Kinderszenen auf, feiert es – Mazel tow! – auf einer jüdischen Hochzeit im Schtetl und – Tu felix Austria! – auf einer Habsburger Hochzeit in Eggenberg. Sie wagt sich mit Mozart an die Spieltische des 18. und mit Cole Porter in die Casinos des 20. Jahrhunderts. Und sie findet es mit Jordi Savall in einer Figur, die als „Ritter von der traurigen Gestalt“ verspottet wird, aber dennoch glücklich ist: Don Quijote.
Endlich glücklich. Für die styriarte ist klar, dass in der Musik wie in kaum einem anderen menschlichen Tun ein Weg zum wahren Glück liegt. Rund fünfzig Etappen auf diesem Weg stellen wir auf den folgenden Seiten vor. Lassen Sie sich darauf ein!
Europa, die phönizische Prinzessin, pflückte mit ihren Freundinnen am Meeresufer Blumen. Da entsprang den Wellen ein Stier, so schön und anziehend, dass Europa auf seinen Rücken stieg und sich von ihm von den Hängen des Libanon gegen Osten übers Meer tragen ließ. Der Stier war der verwandelte Göttervater Zeus, der Europas Schönheit verfallen war und dem sie sich nun bereitwillig fügte. In Kreta ging Zeus mit seiner Beute an Land und zeugte mit ihr den späteren König Minos: die mythische Geburtsstunde unseres Kontinents.
„Wanted: Europa“ – unter diesem vieldeutigen Motto macht sich die styriarte 2007 auf die Suche nach der entführten Prinzessin aus mythischer Vorzeit ebenso wie nach dem Kontinent und seiner sich wandelnden Identität. Gerade die Musik als eine universale Sprache knüpfte wieder und wieder Bande in diesem zerrissenen Gebilde Europa.
Bande über die Gräben zwischen Glauben und Aufklärung ebenso wie zwischen Christen, Juden und Moslems. Beethoven setzte dem Revolutionär Napoleon ebenso ein ewiges Denkmal wie dem Gott der Christenheit – in seiner C-Dur-Messe und im Oratorium „Christus am Ölberge“, die Nikolaus Harnoncourt dirigiert. Jordi Savall und Vladimir Ivanoff bauen in ihren Programmen abgebrochene Brücken zwischen den mediterranen Kulturen wieder auf.
Der Wandel der Jahreszeiten prägt den europäischen Menschen. Davon erzählen Vivaldis „Quattro Stagioni“ oder die „Quatre saisons“ des französischen Renaissance-Meisters Claude le Jeune ebenso wie Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“. Nikolaus Harnoncourt dirigiert dieses Hohe Lied auf den Fleiß und die üppig blühenden Felder in erlesenster Besetzung.
Von Europa reden heißt auch: von Nationen reden. Gerade reisende Musiker wie die Mozarts haben nationale Eigenheiten deutlich empfunden und beschrieben. Und auch in der Musik selbst gaben häufig genug die „Nationalstile“ den Ton an. Dann wiederum wendete sich das Blatt: Das Madrigal und das Streichquartett kannten keine Grenzen, die Renaissance und die Klassik waren übernationale Stile. Und auch im Barock hielt es ein Bach lieber grenzenlos: mit dem „vermischten Geschmack“.
Wenn im politischen Kampf um nationale Identitäten Abgrenzung das Gebot der Stunde war, so hat die Musik die Politik oft genug unterlaufen. Und auch heute öffnet die Musik Horizonte, hinterfragt alte Vorurteile und zeigt, dass Europa kein erstarrtes Gebilde ist, sondern immer wieder neu entsteht – als Vision, Möglichkeit und Hoffnung.
„Fuor del mar, ho un mar in seno“: Aus den Wellen gerettet, findet der Kreterkönig Idomeneo dennoch keine Ruhe: Der Sturm wütet nun in seiner Seele. Das Drama des Menschen, der dem schwankenden Geschick schutzlos ausgeliefert ist, wurde immer schon in die Metapher vom stürmischen Meer gekleidet. Wer hat sie ergreifender vertont als Mozart in seiner großen Oper „Idomeneo“?
Der Geniestreich des 24-Jährigen steht, dirigiert und inszeniert von Nikolaus Harnoncourt, im Zentrum der styriarte 2008. Der Grazer Maestro kehrt konsequent zur Münchner Urfassung des Werkes zurück und bietet dafür eine sensationelle junge Sängerbesetzung auf – rund um den albanischen Tenor Saimir Pirgu in der Titelpartie. Die Kraftreserven des Arnold Schoenberg Chors trotzen Neptuns Stürmen. Der Originalklang des Concentus Musicus Wien wird von Mozarts revolutionärster Partitur bis an seine Grenzen gefordert.
Doch das Meer tobt nicht nur rund um Kreta, die von Neptun gestrafte Insel. Auch im Hamburger Hafen wüten antike Gottheiten im Auf und Ab der Gezeiten. Wir sehen die Lagunenstadt Venedig sturmgepeitscht. Händels Opernhelden von haushohen Wellen verfolgt – wie Kommissar Brunetti in den Romanen der Donna Leon. Die styriarte 2008 blättert in den musikalischen „Seestücken“ des Barockzeitalters und malt ein Fresko entfesselter Urgewalten.
Das „Mare nostrum“ der Römer, das Meer, in dem auch Kreta liegt, liefert dem Festival einen dritten Erzählstrang: So wie die griechischen Heimkehrer aus Troja vom Zorn der Götter in alle Himmelsrichtungen verstreut wurden, so verschlug es auch die sephardischen Juden an alle Küsten des Mittelmeers. Jordi Savall erzählt ihre Geschichte. In einem zweiten Programm verfolgt er den Weg der spanischen Armada bis vor Englands Küste. Wir hören vom Sieg eines englischen Seehelden in Ägypten und vom Mythos des „Jungbrunnens“ in der mediterranen Welt.
Weniger mythisch geht es hierzulande zu, wo Flüsse und Seen, Brunnen und Quellen die Menschen mit Trinkwasser versorgen. Heilsam wirken sie auf Körper und Seele, wie es auch Komponisten immer wieder erfahren haben: Bach in Karlsbad, Brahms am Thuner See, Schubert in Bad Gastein. Gerade den Romantikern wurden Bäche und Seen zum Sinnbild für Lebensglück und Menschenschicksal. Bei Franz Schubert ist alles im Fluss: die Launen der „Forelle“ und der „Schönen Müllerin“, die himmlischen Längen seiner späten Kammermusik.
„Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen.“ Dem großen Komponisten mit dem Wasser im Namen widmet die styriarte einige Kapitel ihres Programms. Und sie geht den Mythen des Meeres im Kino nach. Für die letzte styriarte-Woche verwandelt sich dann die Helmut-List-Halle selbst in ein Schiff, in die S.M.S styriarte“.
„Alles fließt“ – im Leben wie bei der styriarte 2008.
Friedrich Schiller hat gerne nach den Sternen gegriffen. Und er hat sich nicht gescheut, die ganz großen Wahrheiten gelassen auszusprechen. Er hat viel verlangt von den Menschen, so wie es ein Idealist eben tut. Und als er sich über die Aufgaben der Künstler Gedanken machte, hat er ihnen sogleich die Würde der gesamten Menschheit in Verantwortung gegeben. War so viel Idealismus zuviel des Guten? Doch blickt man wachen Auges in die Welt, dann scheint auch heute kaum etwas drängender als die Frage, wie es denn um die Würde der Menschen bestellt ist und wer wirklich für sie eintritt.
Einer hat künstlerisch nie mit kleiner Münze bezahlt: Nikolaus Harnoncourt. Er stellt in seiner Arbeit immer die Frage nach dem großen Ganzen. Und wenn er nun in der styriarte uns und sich im Jahr seines 80. Geburtstags einen weiteren künstlerischen Lebenstraum erfüllt, dann liegt es einfach auf der Hand, grundsätzlich und nicht nur mit Schiller die Frage nach der Menschheit Würde zu stellen. Denn Nikolaus Harnoncourt wird ein Werk realisieren, das wie kaum ein anderes dazu geschaffen wurde, Menschen, die in Verachtung lebten, durch die Mittel der Kunst zu würdigen: George Gershwins Oper „Porgy and Bess“.
Einen körperlich schwer behinderten, bettelarmen Afroamerikaner zum Helden einer Oper zu machen, ihn in seiner Sprache seine Musik – den Jazz – singen zu lassen und das ganze Stück mit Schwarzen zu besetzen – das war im Jahr 1935 eine Ungeheuerlichkeit und ein Meilenstein der Musikgeschichte zugleich. Und es zeigt, wie stark die Mittel der Kunst sein können: Bis heute sind die Porgy-Hits wie „Summertime“ unvergessen, und das Werk ist ein emanzipatorischer Welterfolg.
Menschen ihren Wert zugestehen – Musik kann das tatsächlich sehr gut. Und dabei muss es keineswegs ernst zugehen, ganz im Gegenteil. Denn gerade an der einen Wurzel der Tonkunst, der Volksmusik, wartet oft pure Heiterkeit. Und an der anderen Wurzel, der spirituellen, ist nicht weniger als das Heilige angelegt – so lässt Hildegard von Bingen in ihrem „Ordo virtutum“ gleich ganze Heerscharen engelhafter Tugenden von der Einzigartigkeit der menschlichen Seele singen.
Oft haben gerade die größten Komponisten ihre schönsten Stücke dann geschrieben, wenn sie die Welt grundsätzlich verbessern oder wenn sie vielleicht sogar ganz konkret helfen wollten. Georg Friedrich Händel zum Beispiel sammelte mit Oratorien Geld für ein Waisenhaus. Er gehört zu den vier Meistern, denen wir 2009 als Jahresregenten besondere Aufmerksamkeit schenken. Und bei allen vieren stellt sich die Frage nach der Würde des Menschen exemplarisch. Henry Purcell hat in Zeiten der Seuchen und des Glaubensstreits ein Antikriegsstück über die „Würde Englands“ und dessen mythischen König Artus geschrieben, dessen Heiterkeit bis heute verblüfft. Georg Friedrich Händel hat die persönliche Verantwortung jedes einzelnen Menschen in den Mittelpunkt seines Schaffens gestellt und dabei die unglaubliche Schönheit des Lebens gefeiert. Joseph Haydn hat Witz und Ironie gerade im scheinbar Simpelsten, im Einfachsten gefunden. Und das Werk Felix Mendelssohn-Bartholdys, eines der größten Genies der Musik, war aus rassistischen Gründen Verbot und Schmähung ausgesetzt. Hier zeigt sich beispielhaft, wie Menschenwürde und Musik auch real verwoben sind.
Auf all diesen Spuren wandert die styriarte 2009. Sie versammelt klingende Boten der Humanität. Sie zeigt, wie über Jahrhunderte immer wieder Künstler versuchen, dem menschlichen Treiben Einhalt zu gebieten oder ihm Wege aufzuzeigen. Wege in eine bessere Welt. Das mag idealistisch sein, doch wenn selbst die Künstler die Aufgabe ausschlügen, die Schiller ihnen in seinem Gedicht „An die Künstler“ überträgt, wer sollte sie dann übernehmen?
Wenn sich in seiner offiziellen Hymne ein „Volk, begnadet für das Schöne“ feiern lässt, dann muss es dort eine ganz besondere Beziehung geben zwischen den Menschen und der Kunst. Zumindest aber hat dann die Kunst, das Schöne, den Rang von nationaler Bedeutung. Paula von Preradović hat diesen Hymnen-Text geschrieben, als nach dem Ende der Naziherrschaft inmitten aller materiellen und seelischen Zerstörungen die ersten Keime der Hoffnung aufgingen. In einer Zeit, da die Schrecken des Nationalismus und anderer Ismen noch handgreiflich zu spüren sind, definiert sie Österreich durch seine scheinbar unbelasteten Eigenheiten: als Natur („Land der Berge …“) und als eine Gesellschaft der Kunstschaffenden. Und dies nicht nur aus eigener Anschauung, sondern als Resultat des Blickes von außen: „vielgerühmtes Österreich“.
Die styriarte 2010 nimmt diesen Faden auf und fragt unter einem Motto aus Paula von Preradovićs Hymne nach der Nation Österreich, und danach, wie diese durch ihre zentrale Kunstgattung geprägt wird: die Musik. Die Suche nach Österreich in der Musik führt weit zurück in eine Zeit, die von Nationen noch nichts weiß, dafür aber von Familien, die ihr Territorium als gottgegebenen Besitz wahren wollen. Es überrascht, wie sehr die Kunst schon im Mittelalter den Rang einer Hofhaltung bestimmt. Und wie stark schon die erste österreichische Herrscherfamilie, die Babenberger, ihren Ruhm durch Hofmusiker mehrt. Walther von der Vogelweide ist quasi der erste in einer langen Reihe von Hofkomponisten, die das styriarte-Publikum durch die Jahrhunderte geleiten. Von den Babenbergern zu den Habsburgern, die sich wie Kaiser Friedrich III. sein Herrschermotto in Musik fassen lassen, die wie Ferdinand III. oder Leopold I. selbst komponieren oder die wie Joseph II. die genialsten Komponisten der Welt an ihrem Hof versammeln. Und einen steirischen Bauernbuben in die illustre Reihe der Wiener Hofkomponisten aufnehmen: Johann Joseph Fux, dessen 350. Geburtstag 2010 gefeiert wird und auf den die styriarte ein besonderes Augenmerk richtet.
Aber auch der Untergang der Habsburgermonarchie lässt sich musikalisch erzählen: Ist doch der erwachende Nationalismus, der das Riesenreich schließlich von innen zerreißt, ganz eng mit den regionalen Identitäten verknüpft, deren Sprache eben auch die Musik ist. Tschechen und Ungarn, Kroaten und Slowenen erfinden sich als Nation zuerst in der Kunst, bevor sie tatsächlich politische Eigenständigkeit durchsetzen. Smetanas „Má vlast“ spielt dabei eine herausragende Rolle, aber die Wurzeln der nationalen Musiken Österreichs reichen weiter und tiefer zurück, in die Volksmusiken der so unterschiedlichen Gesellschaften, die sich im Kaiserreich versammeln. Und natürlich zu den Bürgern Österreichs selbst, die in der Musik ihre eigene Identität finden, die im Wiener Walzer die Bedrückung der Metternich-Ära wegtanzen oder mit Schuberts Liedern das eigene, bedürftige Selbst erfinden. Daraus entsteht ein so vielfältiges, so buntes Bild Österreichs, wie es der gängige Nationalismus gerade nicht haben möchte.
Ausgrenzung, Fremdheit, Abschottung sind die Kehrseiten der Entdeckung der Nation. Wer dazugehören darf und wer nicht, das ist ein veritabler Kulturkampf, der eben auch auf dem Gebiet der Musik ausgetragen wird. Auch diese Geschichte erzählt die styriarte. Denn Heimat hat sich wie überall so auch in Österreich stetig verändert und tut das auch heute. Unterschiedlichste Menschen haben hier eine neue Heimat gefunden und ihre Kultur mitgebracht. Andere gingen ins Exil und haben Österreich im Herzen und in der Musik mitgenommen. So wie der große Grazer Komponist Robert Stolz. In die USA emigriert, begann er dort mitten im Krieg mit einer Serie von Wiener-Walzer-Konzerten. Auf die Frage, warum er denn inmitten des Schreckens so etwas programmiere, sagte er sinngemäß: Wir dürfen den Nazis nicht unsere Musik überlassen. Wir müssen sie spielen, um zu zeigen, dass in ihr das ganze humanistische Potential liegt, das es zu schützen gilt. Was Paula von Preradović meinte, als sie die Österreicher als „begnadet für das Schöne“ zeichnete, kann man kaum besser zusammenzufassen. Sie wird diesen Satz weniger als Selbstlob denn viel mehr als Beschwörung verstanden haben. Als Hoffnung, dass die Kunst, die Musik hier tatsächlich etwas erreichen kann, ein Medium der Menschlichkeit sein kann. Diese Heimat meint die styriarte 2010. Diese Heimat klingt. Sie liegt im Imaginären, man kann sich nicht auf ihr ausruhen, sondern sie muss immer neu erarbeitet werden.
„Das Leichte ist das Schwere“ schrieb der Wiener Hofkapellmeister Johann Joseph Fux vor bald 300 Jahren, „doch in diesem schweren Leichten beruht die Vorzüglichkeit des guten Geschmacks und seine Würze.“ Musik also, die so unterhaltsam, so populär daherkommt, dass sie federleicht wirkt, ist ihren Schöpfern keineswegs zugeflogen. Je natürlicher sie scheint, desto größer ist die Kunst, die dahinter steckt. Und das richtige Maß zu finden zwischen dem eigenen Anspruch und der Neigung des Publikums war die stete Herausforderung.
Die styriarte 2011 erzählt eine Geschichte der schweren „leichten Muse“. Sie beginnt im Frankreich der Loire-Schlösser, wo die Komponisten alle Kunst der Renaissance einsetzten, um prickelnde Erotik in Tönen auszudrücken – nicht mehr und nicht weniger. „Gerade das Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht“, so wollte Mozart seine Klavierkonzerte haben, doch selbst er übertrieb es manchmal mit der Kunst: „vergiß also das so genannte populare nicht, das auch die langen Ohren kitzelt“, die Eselsohren, so ermahnte ihn der Vater, als er am „Idomeneo“ schrieb, und Wolfgang antwortete: „wegen dem sogenannten Popolare sorgen sie nichts, denn in meiner Opera ist Musick für aller Gattung leute; – ausgenommen für lange ohren nicht.“
Die Balance, die einem Mozart scheinbar so mühelos gelang, hat auch Bedřich Smetana erreicht. Seine melodiensatte Oper „Die verkaufte Braut“ wurde zum Welterfolg – bis heute. „Jeder kann das verstehen, und zugleich wird der musikalisch Anspruchsvollste befriedigt – ein wahrhaft mozartischer Smetana-Effekt. Die schwierige Kunst des Vollkommenen im scheinbar Einfachen: in dieser Partitur ist sie Ereignis geworden.“ So hat das Kurt Honolka beschrieben. Erstmals liegt diese „Braut“ am Notenpult von Nikolaus Harnoncourt, der sie in einer halbszenischen Produktion und natürlich in einer ganz besonderen Fassung vorstellt. Es wird ein Fest für Stimmen in den leichten Rhythmen Böhmens – oder doch mehr? Steckt etwa Doppelbödiges, Schweres in der Leichtigkeit dieser ländlichen Komödie? Eduard Hanslick hat es so auf den Punkt gebracht: „Smetana hält seiner Musik alles Rohe und Triviale fern. Stets natürlich, volkstümlich und melodiös, wird sie doch niemals ordinär; eine höchst seltene Erscheinung auf diesem Gebiete und einer der größten Vorzüge Smetanas.“
Dass Joseph Haydn weit mehr war als ein Meister heiterer Scherze, das hat Nikolaus Harnoncourt in Graz oft genug bewiesen. 2011 greift er dafür zum meistgespielten „Gag“ des alten Haydn, „dem“ Paukenschlag schlechthin. Und er richtet sein besonderes Augenmerk auf den frühen Haydn. So leicht, wie dem dreißigjährigen Kapellmeister in Eisenstadt die „Tageszeiten“-Sinfonien in den Schoß fielen, so schwer tat er sich mit der „Caecilienmesse“.
Auch Bach hat seine große Messe erst nach und nach vollendet. Für Jordi Savall wird sie zum Prüfstein des „leichten Schweren“. Er kehrt das Motto um, wenn er Bachs komplizierte Fugen wie leichtfüßige barocke Tänze swingen lässt. Ansonsten hält es der Maestro aus Barcelona in der styriarte 2011 mit der Leichtigkeit des Seins, die er in englischer Gambenmusik und kreolischer Musik Lateinamerikas beschwört.
Ist also das „so genannte Populare“ zuerst eine Frage von Tanzrhythmen und volkstümlicher Melodik – Musik, die in die Beine geht, und dann ins Ohr? So einfach ist es sicher nicht. Vivaldis unverwüstliche „Jahreszeiten“, Bachs „Air“ und Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ sind alles andere als Gassenhauer. Was macht ihre Faszination aus? Warum wurden gerade sie so populär? Und was passiert mit Schönberg und Strawinsky, wenn sie der leichten Muse frönen, was mit Beethoven, wenn er einen Schlager variiert? Das Feld des „schweren Leichten“ scheint unerschöpflich. Natürlich darf in Graz dabei auch Johann Joseph Fux nicht fehlen, der sich auf Eingängiges so gut verstand. Dieses und mehr wird den steirischen Festspielen 2011 einer genaueren Betrachtung wert sein.
Manche behaupten ja, man könne sie sich nicht aussuchen. Schließlich werden wir immer in eine hineingeboren. Aber wie wir uns zu ihr verhalten, das ist nicht erst in Zeiten der Patchworkbeziehungen Entscheidungssache. Da gibt es Menschen, die lieber für sich sind. Aber andere gehen ganz auf im Verein mit ihren Nächsten, ob verwandt oder gesucht. Diesen Familienmenschen widmet die styriarte ihre neue Saison.
Familie – das ist auch für viele Künstler mehr als eine bloße Gemeinschaft per Geburt. Viele musikalische Genies wären ohne ihre Familien nie das geworden, als was sie uns heute erscheinen, sind ohne ihre Familien gar nicht zu verstehen. Da ist etwa Johann Sebastian Bach, der einer unüberschaubaren Musikerdynastie entspringt und dessen Kinder ihn im musikalischen Ruhm zeitweilig sogar übertreffen. Ohne dass der Familienfrieden jemals gefährdet gewesen wäre. Und da ist auch Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Vater Leopold das Genie des Filius geradezu generalstabsmäßig plant, worauf er die Abnabelungsversuche des Sohnes gar nicht gelassen hinnehmen kann. Und da wäre Johann Strauß, in dessen Musikerfamilie überhaupt keine Eintracht, sondern Konkurrenz bis aufs Blut das Leben beherrscht. All diese Familienmenschen und noch mehr präsentiert die styriarte und eröffnet mit ihrem Thema Blicke in das Heim großer Komponisten, um zu zeigen, wie das Private zur Kunst wird.
Familienmenschen erleben ganz eigene Wonnen, wenn sich die menschlichen Bande als unzerreißbar erweisen und man unerschütterlich auf einen sicheren Hafen für die Stürme des Lebens vertrauen kann – Stürme, die in der Kunst oft besonders heftig toben. Aber es quälen sie auch besondere Schicksale, etwa wenn Familien zerbrechen oder wenn das, was einmal einziger Halt und Zuversicht war, sich mehr und mehr als Gefängnis entpuppt. All das erleben Komponisten nicht nur selbst, sondern sie schreiben und komponieren darüber, sie erzählen Geschichten über Familienlust und Familienleid.
Und dabei wird deutlich, wie selbst das Heilige eine ganz private Komponente hat. In der katholischen Tradition erlebt die Gottesmutter Maria den Tod ihres Sohnes Jesus als ganz persönliche Tragödie. Während Jesus auch als Sterblicher immer Weltenretter, immer Christus bleibt, ist Maria ganz Mutter, ganz Familienmensch. Sie ermöglicht so die Erfahrung und die Anteilnahme an der Passion im allermenschlichsten Maß. Antonín Dvořák hat das so verstanden, als er 1877 sein großes „Stabat mater“ komponierte, nachdem ihm seine drei Kinder gestorben waren. Nikolaus Harnoncourt stellt dieses Meisterwerk in den Mittelpunkt seines Engagements in der styriarte 2012. Eine Familiengeschichte, die nicht nur persönliche Trauer, sondern vor allem Trost und Hoffnung für jeden bereithält, der zuhören mag.
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