Nikolaus Harnoncourt dirigiert Mozart bei der styriarte im Grazer Stefaniensaal © Werner Kmetitsch

Nikolaus Harnoncourt – Ein Kreis schließt sich.

„Die styriarte sollte den bahnbrechenden Dirigenten Nikolaus Harnoncourt enger an seine Heimatstadt Graz binden …“ so heißt es in unserem kleinen styriarte-Lexikon, das an die Anfänge der sommerlichen Musikfestspiele in der Steiermark im Jahre 1985 erinnert. Und was ist aus diesem klaren, bestechenden Vorhaben tatsächlich geworden? Sicher unendlich viel mehr, als die Initiatoren und auch die Ausführenden zu Beginn je zu denken gewagt hätten. Die styriarte ist zu dem Festival geworden, in dem es zuerst einmal darum ging, die Visionen und Träume von Nikolaus Harnoncourt ernst zu nehmen und zu verwirklichen. Sternstunden der Musik sind das Resultat, Ereignisse, die Aufführungsgeschichte geschrieben haben. Vom ersten Zyklus der Beethoven-Sinfonien mit dem Chamber Orchestra of Europe bis hin zu den Musiktheateraufführungen, die die Welt nach Graz blicken ließen. Bizets erschütternde „Carmen“ in der Regie von Andrea Breth, Gershwins „Porgy and Bess“ aus dem Geist der Wiener Schule und Mozarts „Idomeneo“ nicht nur unter Harnoncourts Dirigat, sondern gleich in seiner Regie, weil er das niemand anderem zutraute. Nun hat der Maestro seine Bühnenkarriere im Alter von 86 Jahren aufgeben müssen und ist bald darauf, am 5. März 2016, gestorben, friedlich im Kreise seiner Familie entschlafen. Auch für die styriarte schließt sich damit ein Kreis, auf den wir mit größter Dankbarkeit, trauervollem Herzen und geschärftem Verstand zurückschauen.

Sollte es das nun, nach 31 Jahren, nicht auch für die styriarte gewesen sein, könnte man sich fragen, wo doch der Urzweck der Festivalgründung scheinbar obsolet geworden ist? Es kostet wenig Mühe und keine Gedankenakrobatik, um die Frage mit einem flammenden „auf keinen Fall!“ zu beantworten. Nikolaus Harnoncourt – kongenial unterstützt, herausgefordert und inspiriert von seiner Frau Alice – ist schon lange kein erratischer Einzelkämpfer mehr gewesen, kein Außenseiter der Klassikszene, an dem sich Publikum und Kritiker reiben. Nein, er hat es mit seinen Anliegen bis ins Herz der Klassikwelt geschafft. Das Ernstnehmen der Originalpartituren, die Arbeit mit historischem Instrumentarium und das unbedingte Vertrauen in das hinterlassene Wort der Komponistengenies, für die er alles tat, haben Standards gesetzt, hinter die man ganz allgemein und weltweit nicht mehr zurück kann. Und so haben sich – auch in der styriarte – seine vielen Mitstreiter, seine Schüler & Enkelschüler längst auf den Weg gemacht, die von Harnoncourt entzündete Flamme weiterzutragen. Er selbst hat einmal gesagt, er hoffe, dass in 30 Jahren die Menschen so über seine Interpretationen spotten werden, wie seine Generation die faden Moden der Karajan-Ära hinwegfegte. Ob das so sein wird? Fest steht, dass Nikolaus Harnoncourt eben viel mehr getan hat, als zu dirigieren. Er hat eine Haltung, einen Anspruch in die Musikwelt getragen, der nicht damit erlischt, dass er ihn nicht mehr selbst umsetzen kann. Viel mehr noch: Dieser Anspruch muss gerade jetzt, wo er es nicht mehr tut, immer wieder neu gedacht und aktualisiert werden. Und wer sollte dazu besser in der Lage sein, als das Festival, das einmal um seinetwillen gegründet wurde und seine Philosophie verinnerlicht hat: die styriarte. Harnoncourt, seine Frau Alice und seine Mitstreiter haben uns Aufgaben gestellt, die ganz grundsätzlich sind. Sie fragen nach dem Wesen der Musik, das für jede Zeit neu ergründet werden muss. Sie fordern einen breiten Zugang zum Schatz der Musikgeschichte, der jeder Generation und allen Menschen immer wieder erschlossen und offen gehalten werden muss, um der grundlegenden Werte willen, die dort gespeichert sind. Und sie mahnen, dass die Zukunft unserer Gesellschaft gerade auf dem Wissen um ihre Kunst und auf dem Verständnis ihrer Vergangenheit gründet. Das ist die Verantwortung, die wir in der styriarte gerne tragen werden, so weit und so lange es geht.

Danke für die ersten 31 Jahre, Nikolaus Harnoncourt!