Zur Geschichte des Festivals
„Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europa“ - dieses Ereignis wurde von styriarte-Intendant Mathis Huber zum Anlass genommen, der Verbindung zwischen Musik und Religion ein neues Augenmerk zu schenken.
Ein kalendarisches Zusammentreffen besonderer Art fungierte dafür als liturgischer und funktioneller Rahmen. Mit dem Aschermittwoch beginnt traditioneller Weise die Fastenzeit, gleichzeitig fand 2003 aber auch der Neujahrstag des islamischen Jahres 1424 statt. Zehn Tage später feierten die Muslime das Aschura-Fest, das an das Erreichen des Berges Ararat durch Noahs Arche erinnert. Für die Schiiten ist dieser Tag dem Gedenken der Ermordung des Mohammed-Enkels Hussein gewidmet. Der erste Pessachfesttag des jüdischen Jahres 5763 fiel dann auf den Gründonnerstag der evangelischen und katholischen Christen, das Osterfest der Orthodoxie folgte eine Woche später. PSALM 2003 lud dazu ein, diese Feste mitzufeiern, sie in ihrem Glaubensgehalt, ihren faszinierenden Geschichten und ihren ganz eigenen Philosophien kennen zu lernen, v. a. aber durch ihre Musik sowie ihre nicht zuletzt auch kulinarische Genüsse bereithaltenden Traditionen.
PSALM 2003, ein Programmschwerpunkt des Kulturhauptstadtprojekts Graz 2003, sollte jedoch kein einmaliges Experiment bleiben. Das Osterfestival PSALM hört seither jählrich die Zeit um Ostern ab auf alte Gesänge, Traditionen und Erzählungen, die diese Zeit und die Stimmung der Tage zwischen Frühlingsbeginn und Ostern brauchen, um glaubwürdig zum Erlebnis gemacht zu werden.
5. März bis 27. April 2003
Musik transportiert das Heilige. Durch viele Jahrhunderte hat die Verbindung zwischen der Tonkunst und der Religion wie selbstverständlich funktioniert. Die großen Feste des Glaubens mit ihren Liturgien und ihren Feiern waren musikalisch aufgeladen, Kunst und Glaube sind hier verschmolzen und bilden eine Einheit. Und zwar auf ganz charakteristische Weise in allen drei großen monotheistischen Weltreligionen: dem Judentum, der Christenheit und dem Islam. Etwas von diesen Energien spürbar zu machen, nicht nur aus dem eigenen Kulturkreis und Glauben heraus, sondern mit geweitetem Blick auf die anderen Religionen, tritt das Festival PSALM an.
Die gemeinsame Wurzel ist dabei das gesungene Gebet, der Psalm. Die Psalmen stehen am Anfang der Tradition der Glaubensmusik. Und sie werden in allen drei Weltreligionen zu den wichtigsten Quellen der Spiritualität gezählt. Psalmen sind die Urtexte unserer Religionsgeschichte, und sie bilden auch musikalisch ein Kontinuum, das durch die Jahrhunderte und Kulturkreise bis heute lebendig klingt. Deshalb ist unser Festival nach ebenjener Urform benannt.
Ein kalendarisches Zusammentreffen ganz besonderer Art bildet den Rahmen des Festivals: Die drei Religionen feiern im März und April 2003 ihre großen Feste. Mit dem Aschermittwoch beginnt am 5. März die Fastenzeit. Dieser Tag ist gleichzeitig der Neujahrstag des islamischen Jahres 1424. Zehn Tage später feiern die Muslime das Ashurafest, ihren höchsten Feiertag, der an das Erreichen des Berges Ararat durch die Arche Noah erinnert. Der erste Pessachfesttag des jüdischen Jahres 5763 fällt auf den Gründonnerstag der katholischen und evangelischen Christen. Das Osterfest der Orthodoxie folgt eine Woche später.
PSALM lädt dazu ein, diese Feste mitzufeiern. Sie kennen zu lernen in ihrem Glaubensgehalt, in ihren faszinierenden Geschichten, ihren ganz eigenen Gedanken. In ihren Traditionen, die auch kulinarische Genüsse bereithalten. Und natürlich vor allem in ihrer Musik.
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3. bis 12. April 2004
Wenn Tag und Nacht sich gleichen, dann ist das ein magischer Moment. Zweimal im Jahr sind Tage und Nächte gleich lang, zweimal ist dies ein Wendepunkt im Rhythmus des Lebens. Im Frühjahr ist dieser Wendepunkt Verheißung: Der Winter gibt sich geschlagen, der Frühling wird mit Macht die Herrschaft übernehmen und der Zyklus des Lebens zeigt Erwachen und Fruchtbarkeit an.
Nicht zufällig findet sich das christliche Osterfest in zeitlicher Nähe zum Tag der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche. Denn unsere Festtradition setzt fort, was schon in heidnischen Riten ausgedrückt wurde: Das Weichen des Winters ist Anlass zur Hoffnung. Die Wiedergeburt der Natur ermöglicht neues Leben. Auferstehung ist auch das Knospen der frischen Blüten.
Und so ist die Auferstehung Christi eine Überlagerung uralter Mythen. Was – so fragten sich unsere Vorfahren – wäre, wenn das Wunder des Frühlings nicht einsetzen würde? Was, wenn sich das Rad der Zeit nicht an den lebensnotwendigen Plan hielte? Weil sie glaubten, dass auch das Geschick der Zeit vom Willen der Götter abhinge, bauten sie vor. Opfer und Rituale sollten die Herrscher des Himmels erinnern, den Frühling zu schicken. Opfer und Rituale sollten den verheißenen Frühling fruchtbar machen.
Diese uralten Traditionen lebten durch die Geschichte fort. Sie äußern sich in Bräuchen, die noch heute existieren. Und manchmal tauchen sie auch in Erinnerungen von Künstlern wieder auf. So setzte Strawinsky die archaische Wucht einer heidnischen Frühlingsfeier in seinem „Sacre du printemps“ um. Diesen Spuren folgen wir in unserem Festival PSALM 2004. Und stoßen dabei auf Wurzeln unserer Kultur in den Tiefen der Vergangenheit.
Klingend offenbaren uns die Kulturen, wie sie das Erwachen neuen Lebens heiligen. Und immer wieder greifen sie in ihrem hohen Ausdruck auf jene Texte zurück, die an der Quelle der großen westlichen Weltreligionen zu finden sind: die Psalmen. Gesungene Gebete, musikalische Anrufungen Gottes, die zu den gewichtigsten Dokumenten menschlicher Religiosität zählen. Psalmtexte begegnen uns im jüdischen, christlichen und moslemischen Glauben, Teile der Verse sind aber wohl noch älter, sie führen auf die frühen ägyptischen und mesopotamischen Kulturen zurück.
Psalmen sind Bindeglieder zwischen den Religionen. Gemeinsames und Trennendes offenbaren sie und schlagen Brücken über die Zeiten. Und sie weisen auch auf den Urgrund, aus dem Glauben entstand: auf die Rätsel der Natur und die Macht, die diese über alles Leben hat.
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19. bis 28. März 2005
Das Erwachen der Natur im Frühling ist für jeden Menschen in jeder Kultur ein elementares Glück. Auch das christliche Osterfest, das am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert wird, erweckt mit der Frohbotschaft von der Auferstehung des Herrn zugleich diese Freude am Auferstehen der Natur nach Frost und Winter. Aber nur selten rückt das Osterfest so nah an den Frühlingsanfang heran, dass dieser Zusammenhang unmittelbar deutlich wird. 2005 ist ein solches Jahr, und deshalb steht das Frühlingserwachen im Mittelpunkt von PSALM 2005: das Auferstehen des Menschen, der Natur, der Antike.
Ein islamisches Freudenfest eröffnet PSALM 2005: Mevlud, ein von den Psalmen Davids inspiriertes Epos über Muhammeds Geburt, steht im Zentrum dieser spirituell-kulinarischen Übung.
Mit freudigen Gesängen und farbenfroher Bühnenpracht, mit Kerzen, Lamm und Esel begrüßt dann am Palmsonntag wieder ein mittelalterliches Spiel den Gottessohn in der Gottesstadt.
Der Frühlingsanfang am Montag der Karwoche ist einem Geburtstagskind dieses 21. März gewidmet: Johann Sebastian Bach. Seinen Frühlingskantaten antworten die Frühlingsgesänge aus dem Italien der frühesten Renaissance - und in beiden treibt Amor sein antikisches Unwesen.
Dann ändert sich die Stimmung abrupt: Dem Dunkel des Leidens sind wie in den Vorjahren die Tenebrae gewidmet, jene „Finstermetten“ der Karwoche, die man im Barock mit aufwändigster Musik ausstattete. Jan Dismas Zelenka, der Bachfreund und tschechische Katholik am Dresdner Hof, hat zu diesen nächtlichen Gottesdiensten die bewegendste Musik überhaupt geschrieben.
Zu einer modernen Reflexion auf den Karfreitag laden Intellektuelle aller Richtungen in die Helmut-List-Halle, grundiert von den erregend modernen „Sieben Worten“ der Sofia Gubaidulina.
Hell wird es dann wieder am Osterwochenende: mit Carl Orffs urwüchsiger Komödie von der Auferstehung Christi, mit finnischen „Gospels“ am Ostersonntag, und mit den lichten, romantisch zarten Psalmen der Geschwister Mendelssohn, die PSALM 2005 am Ostermontag abschließen.
So spannt PSALM erneut einen großen Bogen über die Osterzeit und beleuchtet aus sehr verschiedenen Blickwinkeln das Geheimnis des wiedergeborenen Lebens und der wieder erwachenden Natur.
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1. März bis 30. April 2006
Kein anderer Festzeitraum ist von so starken Emotionen geprägt wie Ostern. Für die Christen liegt die Leidensgeschichte des Jesus von Nazareth und die jubelnde Freude über die Auferstehung, liegen die stärksten Gefühle auf engstem Raum beieinander. Und auch im Judentum ist die Spanne der Gefühle extrem: Das Pessachfest erinnert an die Befreiung des Volkes Israel und den Auszug aus Ägypten, der allerdings mit einem Massaker an den Ägyptern beginnt und eine entbehrungsreiche Wanderung durch die Wüste einschließt. Reine Freude dagegen ist im muslimischen Fest zur Geburt des Propheten zu verspüren. Diese Feste fallen 2006 in eine Woche, die Karwoche der Westkirchen.
Passion, Leidenschaft – diese Worte klingen nicht zufällig in einem doppelten Sinn. Passion heißt im lateinischen Sprachgebrauch Leid, Erleiden. Im Kreuzestod und der Auferstehung Jesu ist die Passion das Zentrum der christlichen Botschaft. Weil dieses Leiden aber auch Erlösung bedeutet, wird der Begriff Passion schließlich freier benutzt. Bis heute versteht man im allgemeinen Sprachgebrauch Passion als unbedingte Leidenschaft für etwas. Passion ist Gefühl, Begeisterung, Interesse, Hingabe – und dadurch nicht notwendig mit dem Sterben verbunden. Und wie das Fremdwort wird auch das deutsche verwendet: Leid ist eindeutig eine schlimme Erfahrung, Leidenschaft hingegen nicht unbedingt.
Die Ambivalenz von Passion, Leid und Leidenschaft verleiht PSALM 2006 sein Motto. Das Festival untersucht die Zusammenhänge von Religion und Gefühl und zeigt, wie intensiv Leid und Leidenschaft in der Karwoche ineinander greifen. Und die Musik als direktestes Medium der Übertragung von Gefühlen spielt hier ihre Rolle. Verzweiflung, Trauer, Trost und Freude finden unmittelbaren Ausdruck, sprechen auf ihre Weise von Dingen, die mit Worten allein unsagbar wären.
Musikalisch führt der Weg von PSALM 2006 von der Mystik des frühen gregorianischen Chorals über den feinsinnigen Klangzauber des französischen Barock hin zur überwältigenden volkstümlichen Frömmigkeit des Gospelgesangs.
Und immer wieder Begegnung der Kulturen: Jordi Savall führt nach Spanien, wo über Jahrhunderte Christen, Juden und Moslems friedlich miteinander auskamen. Und Vladimir Ivanoff bahnt eine Begegnung von Musikern aus dem Irak mit Johann Sebastian Bachs Passionsmusiken an. Dazu wirft das Festival einen fundierten Blick auf unsere eigenen Traditionen mit Palmbuschen und Fastenspeisen.
Für PSALM 2006 treffen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Konfession in Graz zusammen. Spirituelle Kunst ist ihr Anliegen. Passions – Leidenschaften ihr Motto.
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31. März bis 8. April 2007
Der Frost des Winters weicht der Frühlingswärme, das wird am Tag der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche zur Gewissheit. Mit diesem Datum werden die Tage länger als die Nächte, was seit den Zeiten der ältesten Hochkulturen Anlass für ausgelassene Feste ist. Der Blick der großen Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam richtet sich dabei zum Himmel, denn der Mondlauf markiert die großen Feste Pessach und Ostern. Doch so nahe sich die Religionen in ihren Ursprüngen auch sind, so feindlich standen und stehen sich viele ihrer Anhänger gegenüber. PSALM 2007 beschäftigt sich mit diesen Differenzen in der Überzeugung, dass nur Kommunikation und Kenntnis den Weg für ein friedliches Miteinander bahnen können.
Ein islamisches Freudenfest eröffnet PSALM 2007 – so will es der Kalender. Mevlud, die Geburtsgeschichte des Propheten Mohammed, wird in poetischen Hymnen und spiritueller Zeremonienmusik erzählt.
Als Papst Benedikt XVI. im September 2006 in Regensburg den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos mit islamkritischen Worten zitierte, brach in der muslimischen Welt ein Sturm der Entrüstung los. PSALM 2007 schaut auf den historischen Kern der Auseinandersetzung und präsentiert eine Sensation: Den zitierten Dialog zwischen dem Kaiser und einem Moslem in seiner authentischen Gestalt. Das verbürgte Gespräch zweier Gegner, die sich in aller Offenheit und auf hohem Niveau gegenseitig die eigenen Wahrheiten sagen, ohne dass am Ende einer gewinnt.
Die beiden folgenden Abende führen dagegen ganz in die Innerlichkeit großer Musik: Ein Gegenbild zu allen ausgrenzenden Ideologien entwarf der große italienische Komponist Luigi Nono in „La Lontananza“. Und als musikalisches Abbild des Mitleids kann man die Triosonaten von Jan Dismas Zelenka verstehen, der einen barocken Kreuzweg in Tönen beschreitet.
Schon traditionell im Festival PSALM sind die „Finstermetten“ der Karwoche, die Tenebrae. Musikalisch führen sie diesmal die „Lamentationen“ des Spaniers Tomás Luis de Victoria – ein Gipfelwerk der Renaissance – mit den großen Motetten von Johann Sebastian Bach zusammen. Die biblischen Klagelieder des Jeremia, die der katholischen Karwochenliturgie zu Grunde liegen, werden von Menschen der Gegenwart kommentiert, die ihren ganz eigenen Blick auf die Konflikte unserer Zeit haben.
Und was könnte für die Zukunft ermutigender sein, als das Projekt, das PSALM 2007 abschließt? Wenn eine israelische Sopranistin, eine libanesische Altistin, ein österreichischer Tenor und ein syrischer Bass mit einem multinationalen Orchester und einem Grazer Chor unter einem englischen Dirigenten eines der Hauptwerke europäischer Kunst aufführen, Händels Messias, dann mag das Hoffnung auf einen Zeitenwechsel machen.
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16. bis 25. März 2008
Die Erlösungsgeschichten der großen Weltreligionen kreisen um auserwählte Männer. Aber es gibt im Judentum, Christentum und Islam auch Frauen, die entscheidende Rollen in den Heilsgeschichten spielen. Als Mütter der Auserwählten werden Maria und Amina verehrt, die jüdische Heldin Esther macht sich durch ihr tapferes Handeln um das Volk Israel verdient. PSALM 2008 konzentriert den Blick auf diese großen Frauenfiguren. Das Festival, das die zentralen religiösen Feierlichkeiten zur Zeit der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche in ihren künstlerischen Dimensionen darstellt, folgt dabei wieder den Kalendern der Religionen.
Der Eröffnungsabend von PSALM 2008 am Palmsonntag ist den großen Marienfiguren des Evangeliums gewidmet. In der berühmten „Bordesholmer Marienklage“ singen drei Marien ergreifend von ihrem Schmerz. Die Aufführung in der Helmut-List-Halle verbindet das Passionsspiel aus der Renaissance mit Bildern und Texten der Gegenwart.Der wichtigste Text, der Maria in der Passionsgeschichte beschreibt, ist das „Stabat Mater“. recreation – GROSSES ORCHESTER GRAZ stellt ihn in einer ungewöhnlichen Fassung in den Mittelpunkt seines Konzertes: in Johann Sebastian Bachs Übertragung der berühmten Komposition von Giovanni Battista Pergolesi.
Schon traditionell ist der Zyklus der Finstermetten, mit denen PSALM die Spur extremer liturgischer Kompositionen der Musikgeschichte verfolgt. Nach Gesualdo, Victoria, Couperin und Zelenka heißt die neue Station Belgien, wo Joseph-Hector Fiocco eine Synthese von italienischem und französischem Stil in seinen Tenebrae-Lamentationen verwirklicht hat. Starke Frauen von heute deuten dazu die alten Texte neu.
Auf den christlichen Gründonnerstag des Jahres 2008 fällt im islamischen Kalender dieses Jahres Mohammeds Geburtstag, das Fest Mevlud. Dazu erinnern das Ensemble Sarband und der bosnische Autor Dzevad Karahasan nicht nur an die Geburtsgeschichte des Propheten, sie setzen sie in Beziehung mit den Geburtslegenden anderer Heilsgestalten: des Dionysos und Jesus von Nazareth.
Die Regelmacht des Kalenders hat 2008 – am Karfreitag – ein jüdisches Fest in unseren Festivalzeitraum gestellt, das einer legendär starken Frau gewidmet ist: Zu Purim wird der Heldin Esther gedacht, die den Massenmord an den Juden im persischen Exil verhindern kann. Ein großes Freudenfest für alle Juden bis heute, an das wir nicht nur mit der Aufführung eines raren hebräischen Barockoratoriums über Esther erinnern, sondern auch mit einem Klezmerprogramm, das im Crossover das Oster-Halleluja mit Purim, europäische Barockmusik mit Klängen aus dem Schtetl verschmilzt.
Den Abschluss und die Synthese von PSALM 2008 gestalten schließlich Montserrat Figueras, Jordi Savall und Hespèrion XXI mit einer Hommage an alle starken Frauen von der antiken Mythologie bis ins Zeitalter der weiblichen Troubadours, die auf der iberischen Halbinsel jenen Kontrapunkt von Verständnis, Liebe und Toleranz vertraten, der viel zu oft im Gegensatz zur männlichen historischen Realität stand.
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4. bis 13. April 2009
In einer winzigen Blockhütte kam im Jahr 1809 ein Mann zur Welt, der wie wenige andere den Weg der Menschheit zum Positiven lenkte. Abraham Lincoln war der Sohn eines einfachen Farmers. Und an ihm erfüllte sich der „American Dream“ – dass jeder alles vermag, wenn er es nur richtig anfängt – in besonderem Maße. Lincoln wurde Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, und er führte sein Land durch einen Bürgerkrieg, an dessen Ende die Befreiung der Sklaven stand. Der 200. Geburtstag Lincolns und der Amtsantritt des ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA, Barack Obama, fallen also symbolträchtig in ein Jahr. Doch erst eine weitere Koinzidenz macht dies zum Thema für das Osterfestival PSALM: Abraham Lincoln selbst erfuhr von seinem Sieg nichts. Ein politischer Fanatiker erschoss ihn am Karfreitag des Jahres 1865, zehn Tage vor der endgültigen Niederlage der Südstaaten-Armeen.
So erschüttert war Amerika über diesen Mord, dass der größte Dichter des Kontinents, Walt Whitman, eine Elegie auf den Präsidenten verfasste und sich nicht scheute, die Ermordung Christi mit jener Lincolns zu vergleichen. Eine Spur, die ins Herz von PSALM 2009 führt. In Kurt Weills ergreifender Vertonung von Walt Whitmans Elegie auf Abraham Lincoln nimmt das Festival die musikalische Spur auf: Es fragt nach dem „American Dream“ im Besonderen, darüber hinaus nach dem Traum im weiteren Sinne. Ein Weg, der kaum zufällig an die Stufen des Lincoln Memorials in Washington D.C. führt, wo Martin Luther King zu Füßen der monumentalen Marmorstatue des Präsidenten seine berühmte Rede „I Have a Dream“ hielt – eine Rede, die voller Zitate aus dem reichen Schatz des amerikanischen Spirituals und Gospels ist und so ihre musikalische Gestalt schon in sich trägt. Martin Luther King, der Name verrät es, war ein lutherischer Prediger. Und er drückte für das 20. Jahrhundert aus, was reformatorische Strömungen in den Religionen der Weltgeschichte schon immer antrieb: aus dem Traum, aus der Vision eine tatsächliche Veränderung der Verhältnisse in der Realität zu bewirken.
Kein politischer, sondern ein naturwissenschaftlicher Träumer ergänzt den Blick – und der hat unmittelbar mit Graz zu tun: Johannes Kepler, begnadeter Astronom, 1600 als Protestant aus Graz vertrieben, schrieb den ersten Science-Fiction-Roman der Weltliteratur. In seinem „Somnium“, dem „Traumgesicht“, fantasiert der Wissenschaftler eine Reise auf den Mond. So heikel waren manche astronomischen Ideen des Himmelsforschers, dass es ihm besser schien, sie in eine literarische Form zu verkleiden. Aber damit sind die Traumreisen des Festivals noch nicht erschöpft. Wer hören möchte, welche Vision das Volk Israel aus Ägypten führte, was Mohammed auf seinen nächtlichen Traumreisen erlebte, was sich die mittelalterlichen Troubadoure erträumten oder warum für die Kirchenväter Jesu Passion ein „Todestraum“ war, der sollte sich für die Osterwoche im April 2009 möglichst viele Abende freihalten.
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27. März bis 5. April
Dass die kanadische Liedermacherin Joni Mitchell 1969 mit einem Lied die Gefühle einer ganzen Generation in Worte fasste, wird sie damals auch nicht geahnt haben. „Back to the Garden“ heißt der Refrain ihrer musikalischen Beschwörung, womit sie „Zurück ins Paradies“ meinte. Und natürlich auch einen ganz irdischen Platz: ein Feld beim Örtchen Woodstock, auf dem flachen Land nördlich von New York. Dort traf sich eine halbe Million junger Menschen, beflügelt von der Utopie der Gewaltlosigkeit, der freien Liebe, von Musik und Drogen. Joni Mitchell beschreibt, wie sie sich zum Woodstock-Festival aufmacht, auf dem sie kurioserweise gar nicht ankommt, denn alle Straßen sind verstopft. Doch das tut ihrem Enthusiasmus keinen Abbruch: „Wir sind Sternenstaub. Wir sind golden. Und wir müssen zurück in den Garten!“
Vierzig Jahre ist es her, dass die Blumenkinder der Hippiebewegung ihr Paradies auf Erden als Garten träumten. Und sie stellten sich damit in eine Tradition, die so alt ist, wie die menschliche Kultur selbst. Denn der Garten, die bewirtschaftete, die gestaltete, die fruchtbringende, vom Menschen kontrollierte Natur ist seit Urzeiten der menschliche Sehnsuchtsort. Die Idealisierung des Gartens überschreitet die Grenzen der Kulturen ebenso wie die der Kontinente, die Epochen der Geschichte wie die Terrains der Religionen. Und so nimmt es nicht Wunder, dass gerade zum Frühlingsbeginn in zahllosen Kulturen der Welt der Garten im Mittelpunkt steht. Am Tag der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche ist rechnerisch der Winter besiegt, die Tage werden wieder länger als die Nächte. Und Feste wie Pessach und Ostern, die eben diesen Zeitpunkt markieren, sind in ihrem Ursprung auch Fruchtbarkeitsfeste.
Deshalb beschäftigt sich das Festival Psalm 2010 mit den klingenden Spuren, die der Garten in der Musik der Religionen hinterlassen hat. Der Weg führt von den frühen christlichen Gärten des Mittelalters, in denen der Mensch Heil und Schutz vor den Unbilden der Natur sucht, zu den formalen Gärten des Orients, die in ihrer Harmonie Abbild von Gottes Ordnung sind. Wir besuchen den barocken Garten des Hamburger Ratsherren Barthold Heinrich Brockes, der in der Anschauung der kleinsten Dinge die Harmonie des weiten Universums entdeckt. Und wir fragen nach den Gärten der christlichen Passionsgeschichte, die in ihrem idealen Frieden den denkbar größten Kontrast zum Verrat und zur Gewalt abgeben, die dort geschehen. Mit Richard Wagner und seiner romantischen Naturmagie erzählen wir die Geschichte eines „Karfreitagszaubers“, der die christliche Überlieferung in ein buddhistisches Bild vom Werden und Vergehen allen Seins überführt. Und binden das alles zwischen zwei Pole der Gegenwart: Timna Brauer erzählt von einem Garten in Jerusalem, der Hoffnung für Juden und Palästinenser gleichermaßen sein kann. Und das Vokalensemble „Klangbezirk“ fragt schließlich mit Joni Mitchell, in welchen Garten wir heute unterwegs sind, 40 Jahre nach Woodstock.
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17. bis 25. April
„Canto a la vida“ – „Ein Lied an das Leben“: Unter diesem Titel hat der Poet und Priester Ernesto Cardenal auf sein Wirken zurückgeblickt. Und damit nicht nur sich selbst ein Motto geschenkt, sondern der Geschichte Lateinamerikas ganz grundsätzlich. Dabei liegt ein Paradox in der Idee, gerade in Lateinamerika ein Lied vom Leben singen zu wollen: einer Region unserer Erde, die seit Jahrhunderten mehr Lieder von Tod, Leid und Elend anstimmen könnte als fast jede andere. Aber gerade darin liegt die Magie. Der Glaube, dass ein Leidensweg die tiefsten Tiefen durchschreiten muss, um wieder ans Licht zu tauchen. Diese Passionserfahrung, die im christlichen Osterfest mündet, hat Ernesto Cardenal in Lateinamerika neu definiert. In Texten, die er Psalmen nennt, die heute das sein wollen, was die Gesänge der Israeliten einst waren: Anleitung für ein neues, ein gutes, ein gerechtes Leben.
Lateinamerika: Das im Namen des Kreuzes eroberte und entvölkerte Land sah religiösen Eifer und entsetzliche Kriege ebenso wie Befreiung und Glück. Es war ebenso hoffnungsvoller Zufluchtsort für Verfolgte wie Zwangsheimat für Sklaven. Und aus der Vermischung von Völkern unterschiedlichster Herkunft entstand dort eine ganz eigene, neue Welt. Der Schmelztiegel von Wünschen und Erfahrungen wirkte und wirkt aber nicht nur vor Ort, er wirkt auch auf die Eroberer zurück. Verbunden durch eine gemeinsame Geschichte hat Lateinamerika über den Atlantik hinweg auch Europa verändert.
Indianische Kulturen identifizierten das Personal des Christentums mit ihren eigenen Mythen, und besonders für Maria fand sich eine Entsprechung im Volksglauben: Pachamama, die Verkörperung der Mutter Erde. Mit der massenhaften Zwangsverschiffung afrikanischer Sklaven nach Lateinamerika kamen dazu noch religiöse Vorstellungswelten Afrikas, die sich im Kontakt zum Christentum wandeln mussten: Voodoo und Candomblé sind Religionen, die mit christlichen Formeln ebenso arbeiten wie mit Fetischen und Magie. Im 20. Jahrhundert war es dann vor allem die Theologie der Befreiung, die Zeichen setzte. Selbstbewusst bezogen die Nachkommen von Spaniern, Indianern und Afrikanern theologisch Position in Fragen der sozialen Gerechtigkeit, über die bis heute leidenschaftlich gestritten wird. Gestritten und gesungen, denn die Musik trägt wie keine andere Kunst in Lateinamerika die Botschaften der Politik zu den Menschen.
Canto a la vida – Das Lied an das Leben – im Festival PSALM 2011 stimmen wir es als lateinamerikanisches Oster-Ereignis an. Wir begegnen den Revolutionären Mittel- und Südamerikas, die dem Volk mit ihrer frohen Botschaft die Gerechtigkeit im Diesseits predigen. Wir treffen einen europäischen Juden, für den Brasilien zum Sehnsuchtsraum wird. Wir hören die Musik, mit der die Indianer die Pachamama beschwören oder eben zur Ostermesse spielen. Wir treffen die musikalischen Magier des Candomblé bei einem Ritual und tanzen schließlich mit argentinischen Gauchos die Chacarera, die diesseits und jenseits des Atlantiks von der unvergleichlichen Lebensfreude Lateinamerikas erzählt.
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1. bis 8. April
Sie reitet am Zaun, die Hagazussa, die Hexe. Sie lässt dabei einen Fuß in die reale Welt hängen, den anderen ins Jenseits, und so kann sie zwischen diesen Sphären vermitteln. Bevor das Christentum die kulturelle Hegemonie in Europa erreichte, lebten viele Völker des alten Kontinents mit solchen naturmagischen Vorstellungen, die man heute Schamanismus nennt. Eine beseelte Natur, die auf magische Weise in das Leben der Menschen hineinwirkt und in der das Göttliche zu Hause ist, gehörte dabei ebenso zu den spirituellen Grundlagen wie Seelenwanderung und der Kreislauf zwischen Geburt und Sterben alles Lebendigen: Vorstellungen, die wohl aus den Urzeiten menschlicher Zivilisation stammen.
Um Erfolg zu haben, musste das Christentum versuchen, solche Formen der Spiritualität zu überlagern und in die eigenen rituellen Kultausübungen zu integrieren. Wo das nicht gelang, wurden die ursprünglichen naturmagischen Ideen als Aberglaube diskreditiert und verfolgt. Dabei bildeten sich die Zerrbilder von „Hexen“ oder „Zauberern“ heraus, mit denen alles dämonisiert werden konnte, das nicht dem kirchlich kontrollierten Wunderglauben zuzuordnen war.
Will man etwas von den ursprünglichen religiösen Vorstellungen und Riten Europas erfahren, lohnt es sich, hinter solche christlichen Zerrbilder zu schauen und deren Wurzeln zu erkunden. Gerade das in naturmagisch geprägten Kulturen so wichtige Ereignis des Frühlingsbeginns scheint in vielen Aspekten und Ritualen der christlichen Osterbräuche noch hindurch.
Aber noch wesentlich offener wird der Blick an den Rändern Europas. Wo der Anpassungsdruck an christliche Glaubensvorstellungen erst spät und nicht so stark zu spüren war, wo andere, ganz fremde Kulturkreise ihre eigenen Spuren hinterlassen haben, haben sich schamanische, naturreligiöse Vorstellungen bis heute gehalten. Dort macht sich die neue Edition des Festivals PSALM auf Spurensuche.
Wo gibt es noch ursprüngliche spirituelle Rituale und Kulte, Mythen und Musik zu jenem Zeitraum, der später vom christlichen Osterfest eingenommen wurde? Dabei stoßen wir an die äußersten Grenzen unseres Kontinents. Im äußersten Norden Skandinaviens, weit im Osten, in Kasachstan, wo Europa und Asien in weiten Steppen ineinanderlaufen, tief im Süden, wo Sizilien schon spürbare Nähe zu Afrika hat und ganz im Westen, wo Irland auf das weite Meer trifft, lassen sich lebendige Traditionen naturmagischer Vorstellungen finden, in denen die Musik eine ganz besondere Rolle spielt.
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