Themenarchiv

Standen jeweils Jahresregenten wie Johann Sebastian Bach, Claudio Monteverdi, Joseph Haydn, Franz Schubert, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und Felix Mendelssohn im Mittelpunkt der ersten styriarte-Jahre, stellt die styriarte seit 1992 ihr Programm in thematische Zusammenhänge. Die Programme der einzelnen Festivaljahre stehen demnach nicht für sich allein, sondern ergeben einen Gesamtzusammenhang, in dem das jeweilige Thema grundsätzlich beleuchtet wird.

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2017 - Tanz des Lebens
23. Juni bis 23. Juli 2017
Im Anfang war die Bewegung. Es braucht ja nur ein kurzes Nachdenken, um zu verstehen, dass aus der Bewegung alles kommt: Energie ist Bewegung, Leben ist Bewegung. Das Verhalten der kleinsten Teilchen bis zum großen Ganzen des Universums, ja selbst Raum und Zeit – alles ist Bewegung. Und natürlich die menschliche Kultur. All unsere Äußerungen sind Bewegung, und kann man daraus nicht schließen, dass unsere elementarsten Künste tatsächlich Musik und Tanz seien?

Musik und Tanz sind auch so unmittelbar miteinander verbunden, dass es schon einen gewaltigen kulturellen Überbau braucht, um sie zu trennen. Heute halten uns vor allem Konventionen und Benimmregeln davon ab, uns von Musik nicht an der Hand nehmen und davontragen zu lassen in Nicken, Tippen, Wippen, Schaukeln und Schunkeln. Es ist doch nur natürlich, sich von den Sitzen zu heben, sich in die Arme zu fallen und aufzumachen in das Wohlgefühl oder die Erregung des Tanzens, denn oft liegt genau darin das wahre Wesen der Musik.

Die styriarte 2017 spürt dieser Verbindung nach. Wir verknüpfen die Musik mit ihrer tänzerischen Basis und erzählen im wahren Wortsinn mitreißende Geschichten. Geschichten von rituellen und spirituellen ebenso wie von sinnlichen und erotischen Tänzen. Wir beleben vergessene Tanztraditionen neu, wie das barocke Rossballett, oder entdecken das Tänzerische in scheinbar strenger Kunstmusik. Wir huldigen den Spitzenleistungen der hohen Schule des klassischen Balletts. Wir forschen nach den ursprünglichen Inspirationen, die große Komponisten in der volkstümlichen Tanzmusik fanden. Und wir tauchen ein in die lebendigen Traditionen der Tänze ganz fremder und entfernter Kulturen. Vor allem aber: Wir bieten Ihnen immer wieder die Möglichkeit, mitzumachen, ob im Geiste oder ganz direkt auf beiden Beinen: Reihen Sie sich ein in den Tanz des Lebens, hören Sie, fühlen Sie, tanzen Sie mit!
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2016 - Viva la libertà
24. Juni bis 24. Juli 2016
„Viva la libertà!“ – so klingt es durch die Nacht. Don Giovanni hat sein Glas erhoben, und seine Freiheit meint, rücksichtslos tun und lassen zu können, was ihm beliebt. Die anderen Figuren in Mozarts Oper stimmen mit ein, aber sie meinen das Gegenteil: Für sie ist Freiheit, den Machtmenschen Giovanni zu stürzen. Der Ruf „Viva la libertà“ führt an einen Brennpunkt der Geschichte, an dem sich zum ersten Mal der Wunsch nach persönlicher, individueller Freiheit auf breiter Front Bahn bricht, die Zeit der Amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung und der Französischen Revolution.

Ludwig van Beethoven war 18 Jahre alt, als 1789 in Frankreich der Ruf nach Freiheit unüberhörbar wurde, und er schrieb ihn auf seine Fahnen. Sinfonie auf Sinfonie erstürmte Beethoven die Barrikaden einer ständisch zementierten Gesellschaft und öffnete den Zeitgenossen das Herz für eine neue Humanität. Bei der styriarte 2016 kommen diese neun Sinfonien zur Aufführung – im Originalklang des Concentus Musicus, wenn auch nicht, wie ursprünglich geplant, unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt. Nach dem überraschenden Rückzug des Dirigenten im Dezember 2015 übernehmen drei Maestri der übernächsten Generation diese große Aufgabe: Karina Canellakis aus den USA, Jérémie Rhorer aus Frankreich und Andrés Orozco-Estrada aus Kolumbien. Eine Entdeckungsreise zu den unverfälschten Klangfarben Beethovens und zum erschütternden Furor seiner Musik wird das allemal. Dass Beethovens Musik damals wie heute bis an die Grenzen der Spielbarkeit reicht und gerade dadurch Grenzen aufbricht, um den utopischen Raum der Freiheit zu öffnen, das wird mit diesem monumentalen Zyklus hörbar werden.

Nach Beethoven war der Ruf der Freiheit nicht mehr aus der Welt der Musik zu schaffen. Der junge Wiener Franz Schubert wurde davon ebenso erschüttert wie der Ungar Franz Liszt, der Italiener Giuseppe Verdi und der Pole Frédéric Chopin. Sie alle stritten in Noten und Taten für jene Freiheit, die Beethoven unwiderruflich ins Zentrum der europäischen Musik gerückt hatte. Doch es war noch ein weiter Weg. Schuberts Generation hat die Sonne der Freiheit im Polizeistaat Metternichs untergehen sehen und fand in seinen Liedern ein Ventil für ihre ungestillte Sehnsucht. Die styriarte 2016 erzählt die Geschichten dieser Kämpfe: das „Viva Italia forte ed una“ des jungen Verdi, Liszts Trauertöne für die hingerichteten Helden des freien Ungarn, Chopins Revolutionsetüde, Schuberts erst hoffnungsfrohe, dann todtraurige Lieder.

Auch in der so genannten „freien Welt“ muss die Freiheit immer wieder bewahrt und neu erstritten werden – bis heute. Das Wahlrecht für Frauen und das schreiende Unrecht der Sklaverei hatten selbst die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika stillschweigend übergangen. Furchtlose Frauen waren es, African-Americans und Juden, Flüchtlinge, die für die Ausgeschlossenen im Schatten von „Miss Liberty“ kämpften: Die englischen Suffragetten marschierten zu den Klängen der Komponistin Ethel Smyth durch die Gerichtssäle. Die Einwandererkinder George Gershwin und Leonard Bernstein sangen das Lied der Freiheit. Auch diese Geschichten erzählt die styriarte 2016. Und noch viel mehr ...
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2015 - ... und lachte
26. Juni bis 26. Juli 2015
Klassische Musik ist ja angeblich eine ernste Angelegenheit. Wozu sonst würde man die U-Musik (U wie Unterhaltung) von der E-Musik (E wie Ernst) trennen? Die styriarte wird diese Trennung aufheben: Vom Lachen handelt das Festival 2015, vom Lachen in all seinen Spielarten. Das befreiende Lachen wird da ebenso hereinklingen wie das hämische Spotten, die Narretei des Mittelalters ebenso wie die Opera buffa, die romantische Ironie ebenso wie der bittere Sarkasmus des 20. Jahrhunderts.

In der Welt von Nikolaus Harnoncourt ist das Lachen verpönt, denn immer trägt es für ihn den Keim der Bosheit in sich. Und so sind seine drei großen Produktionen sozusagen das Korrektiv in der styriarte 2015. In Stainz dirigiert Harnoncourt Haydn, den Meister des geistreichen Witzes. Freilich lässt er auf die funkensprühende Sinfonie Nr. 97 die „Paukenmesse“ folgen, Zeugnis für den tödlichen Ernst der Revolutionskriege. Als alle Schlachten dieser Kriege geschlagen waren, schrieb Ludwig van Beethoven seine „Missa solemnis“ als „Bitte um äußeren und inneren Frieden“. Harnoncourt dirigiert sie zum ersten Mal im Originalklang seines Concentus Musicus Wien – ein Mahnmal in der styriarte der Heiterkeit. Antonín Dvořáks Stimmungsumschwünge waren legendär: Urplötzlich fiel er vom Lachen ins Weinen, so wie seine Musik, die Harnoncourt mit dem Chamber Orchestra of Europe im Stefaniensaal vorstellt.

Von Dvořák ist der Weg nicht weit zum braven Soldaten Schwejk, der mit seinem widersinnigen Humor die Maschinerien der k. und k. Verwaltung aus den Angeln hebt. Ihm widmet die styriarte 2015 eine ihrer SOAPs, natürlich gepaart mit Musik von Dvořák. Die übrigen SOAP-Helden kommen im Juli 2015 aus Österreich, Ungarn und Italien: György Ligeti, Wolfgang Amadeus Mozart und Gioachino Rossini, allesamt berühmt-berüchtigt für ihren ganz eigenen Humor.

Dass Österreicher und Deutsche, Italiener und Engländer einen gänzlich anderen „Humor“ haben, ist eine Alltagserfahrung, die jeder machen kann. Bei der styriarte ist sie mit Händen zu greifen: Die Italiener kommen als Spezialisten für buffoneske Komik nach Graz, allen voran Rossini mit seinem „Barbier von Sevilla“, den Michael Hofstetter und Peer Boysen szenisch vorstellen – auf Deutsch! Schon den Grazern des Jahres 1819 ist es geglückt, Rossinis Komik in deutsche Worte zu fassen. Diese erste deutsche Übersetzung des „Barbiers“ kehrt nun in der styriarte 2015 an ihren Ursprungsort zurück. Dem Italiener Rossini antworten die Engländer mit „British Humour“, der Katalane Jordi Savall mit Musik von Tobias Hume, der Österreicher HK Gruber mit seinem „Frankenstein!!“. Lachen ist bei alldem ausdrücklich erwünscht. Und es soll ja auch gesund sein. Nicht zuletzt haben die Lacher der styriarte sozusagen biblische Legitimation, denn, so steht es in Genesis 17,17: Abraham fiel hin „... und lachte“, als er von seinem Gott erfuhr, dass er mit hundert Jahren noch ein Kind zeugen sollte. Diesem Lachen verdankt die styriarte 2015 ihr Motto und ihre Inspiration.
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2014 - Im Zauber der Natur
20. Juni bis 20. Juli 2014
„Ins Grüne, ins Grüne!“ So rief Franz Schubert in einem seiner heitersten Lieder den Zeitgenossen zu. Der Traum vom Ausspannen in der Natur ist so alt wie die Geschichte der großen Städte. Schon die Londoner des Barock entgingen dem Lärm der Metropole, indem sie aufs Land flüchteten – oder auch nur davon träumten. Henry Purcell, das Musikgenie des englischen Barock, erfand für diesen Traum die allerschönsten Töne. „The Fairy Queen“, seine größte „Semi-Opera“, ist ein einziges Fest der üppigen Natur und ihrer wundersamen Wesen, eine freie Bearbeitung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit langen Musikeinlagen. Nikolaus Harnoncourt macht aus Purcells Meisterwerk das Musiktheater-Ereignis der styriarte 2014.

Der Wald spielt in der Natur-styriarte 2014 natürlich eine Hauptrolle: der romantische Wald in Webers „Freischütz“, packend neu gedeutet von Michael Hofstetter; die „sweet woods“ des barocken England, wie sie von Purcell und Dowland besungen wurden; die Wälder Oberösterreichs, wie sie Franz Schubert durchwandert hat. Schuberts Wanderungen sind Thema bei der Schubert-SOAP, einem Abend voller Lieder, Chöre und unvergesslicher Volksmelodien in Schuberts Arrangements. Auch die anderen Helden der styriarteSOAPs zog es hinaus ins Grüne: Unser Festspiel-Publikum darf Gustav Mahler im Komponierhäusl über die Schulter schauen und Joseph Haydn belauschen, wie er sich von Natur und Volksmusik inspirieren ließ.

Für Ludwig van Beethoven reserviert das Festival nicht nur eine SOAP mit seinen Liedern, dem Septett und dem „Heiligenstädter Testament“. Was der Meister im „Tempel der Natur“ erschuf, das beleuchtet auch das 2014 erstmals formierte styriarte-Festspiel-Orchester in der Sechsten Sinfonie, Markus Schirmer in einem furiosen Klavierabend. Die Romantiker dürfen hinaus ins Freie: Schuberts „Wandererfantasie“ und Schumanns „Waldszenen“ erklingen im „Dom des Waldes“ auf der Hebalm – mitten in der Natur. Das Eröffnungsfest in Stainz lässt romantische Chorlieder im Freien singen, wie es sich die Komponisten gedacht haben: im Rosengarten und im Schlosshof, unter Linden und Apfelbäumen.

Die styriarte führt ihr Publikum an viele wunderschöne Plätze der Steiermark: nach Pöllau zur Musik-Wallfahrt und nach Aflenz zur Kräuterwanderung auf den Spuren der Heiligen Hildegard, in den Grazer Burggarten zu Loreley-Gesängen und in den Eggenberger Schlosspark zum Picknick. Der Traum des Menschen vom Eins-Sein mit der Natur soll nicht nur musikalisch bleiben: Berührt von der Natur und ihrem Zauber, kehren wir in den Konzertsaal zurück, um das Größte in der Musik intensiver zu erleben – wie Mozarts letzte Sinfonien, die Nikolaus Harnoncourt mit dem Concentus Musicus als Zyklus aufführt.
Sujet styriarte 2013
2013 - Gefährliche Liebschaften
21. Juni bis 21. Juli 2013
Fast nostalgisch schauen wir auf die seligen Zeiten der 1960er Jahre zurück, in denen die „sexuelle Revolution“ noch die Gemüter erregte. Was sich die „Halbstarken“ seinerzeit herausnahmen, als sie jedes Liebestabu brachen, schien völlig neu, undenkbar. Doch war es auch neu? Nichts anderes taten etwa die jungen Wiener des Biedermeier, als sie sich eng umschlungen zu den Walzerklängen eines Lanner oder Schubert drehten. Nikolaus Harnoncourt hat den Sündenfall dieser Tanzrevolution erst kürzlich auf CD gebannt und wird ihn auch bei der styriarte 2013 in pures Hörvergnügen verwandeln – sinnlich prickelnd, doch voll subversiver Untertöne.

Darum geht es beim Festival 2013: um jene Zeiten, in denen sich das Freizügige Bahn brach in der Musik, zur Freude der Gesellschaft oder gegen ihren heftigen Widerstand. Um Liebe ohne Tabus, aber mit unabsehbaren Konsequenzen. Um „gefährliche Liebschaften“.

Paris spielt selbstverständlich eine Hauptrolle. Die Metropole der Liebe hat ja nicht den Ruf, besonders keusch zu sein, weder heute noch zu den Zeiten eines Jacques Offenbach. Im Zweiten Kaiserreich hielt der Emigrant aus Köln der „Grande Nation“ den Spiegel vor, besonders beißend im „Barbe-Bleue“, seiner Operette über den notorischen Verführer Ritter Blaubart aus dem Jahr 1866: Hier steht die Liebe Kopf, buchstäblich! Nikolaus Harnoncourt dirigiert Offenbachs Meisterwerk in einer kritisch durchleuchteten Fassung, als Opernereignis der styriarte 2013.

Paris, und immer wieder Paris: Dort schrieb Choderlos de Laclos seinen Roman „Gefährliche Liebschaften“, der dem Festival 2013 sein Motto leiht; dort übten sich die Zeitgenossen der Pompadour in der Galanterie, bis ihnen ein Italiener zeigte, wie es wirklich ging: Casanova. In Paris lernte Astor Piazzolla, dass es nicht anrüchig war, den Tango aus den Bordellen von Buenos Aires zur Kunstmusik zu erheben; in Paris lernte Franz Liszt seine Gräfin d’Agoult kennen und lieben. All dies ist musikalisch bedeutsam geworden. Verliebt komponiert es sich vielleicht eben doppelt gut, wieso nicht auch zwischen Federbetten?

Für die styriarteSOAPs – das neue Konzertformat des Festivals – liefert das Motto herrliche Vorlagen, von Casanovas Memoiren bis hin zu Offenbachs satirischen Bühnen-Liebschaften. Sinnengenuss allenthalben, aber auch die Gefahren, die darin lauern. Joseph Haydn hat sie zu spüren bekommen, als er zwischen seiner Gattin und gleich zwei Geliebten lavieren musste; der Italiener Alessandro Stradella bezahlte seine Affären mit dem Leben. Ja, Liebeleien können sehr gefährlich werden, wie uns – in einer kleinen Reihe von SPÄTLESEn – auch die Dichter von Arthur Schnitzler bis Ingeborg Bachmann erzählen.
styriarte 2012, FamilienMenschen
2012 - FamilienMenschen
22. Juni – 22. Juli 2012
Manche behaupten ja, man könne sie sich nicht aussuchen. Schließlich werden wir immer in eine hineingeboren. Aber wie wir uns zu ihr verhalten, das ist nicht erst in Zeiten der Patchworkbeziehungen Entscheidungssache. Da gibt es Menschen, die lieber für sich sind. Aber andere gehen ganz auf im Verein mit ihren Nächsten, ob verwandt oder gesucht. Diesen Familienmenschen widmet die styriarte ihre neue Saison.

Familie – das ist auch für viele Künstler mehr als eine bloße Gemeinschaft per Geburt. Viele musikalische Genies wären ohne ihre Familien nie das geworden, als was sie uns heute erscheinen, sind ohne ihre Familien gar nicht zu verstehen. Da ist etwa Johann Sebastian Bach, der einer unüberschaubaren Musikerdynastie entspringt und dessen Kinder ihn im musikalischen Ruhm zeitweilig sogar übertreffen. Ohne dass der Familienfrieden jemals gefährdet gewesen wäre. Und da ist auch Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Vater Leopold das Genie des Filius geradezu generalstabsmäßig plant, worauf er die Abnabelungsversuche des Sohnes gar nicht gelassen hinnehmen kann. Und da wäre Johann Strauß, in dessen Musikerfamilie überhaupt keine Eintracht, sondern Konkurrenz bis aufs Blut das Leben beherrscht. All diese Familienmenschen und noch mehr präsentiert die styriarte und eröffnet mit ihrem Thema Blicke in das Heim großer Komponisten, um zu zeigen, wie das Private zur Kunst wird.

Familienmenschen erleben ganz eigene Wonnen, wenn sich die menschlichen Bande als unzerreißbar erweisen und man unerschütterlich auf einen sicheren Hafen für die Stürme des Lebens vertrauen kann – Stürme, die in der Kunst oft besonders heftig toben. Aber es quälen sie auch besondere Schicksale, etwa wenn Familien zerbrechen oder wenn das, was einmal einziger Halt und Zuversicht war, sich mehr und mehr als Gefängnis entpuppt. All das erleben Komponisten nicht nur selbst, sondern sie schreiben und komponieren darüber, sie erzählen Geschichten über Familienlust und Familienleid.

Und dabei wird deutlich, wie selbst das Heilige eine ganz private Komponente hat. In der katholischen Tradition erlebt die Gottesmutter Maria den Tod ihres Sohnes Jesus als ganz persönliche Tragödie. Während Jesus auch als Sterblicher immer Weltenretter, immer Christus bleibt, ist Maria ganz Mutter, ganz Familienmensch. Sie ermöglicht so die Erfahrung und die Anteilnahme an der Passion im allermenschlichsten Maß. Antonín Dvořák hat das so verstanden, als er 1877 sein großes „Stabat mater“ komponierte, nachdem ihm seine drei Kinder gestorben waren. Nikolaus Harnoncourt stellt dieses Meisterwerk in den Mittelpunkt seines Engagements in der styriarte 2012. Eine Familiengeschichte, die nicht nur persönliche Trauer, sondern vor allem Trost und Hoffnung für jeden bereithält, der zuhören mag.
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2011 - Im schweren Leichten
24. Juni – 24. Juli 2011
„Das Leichte ist das Schwere“ schrieb der Wiener Hofkapellmeister Johann Joseph Fux vor bald 300 Jahren, „doch in diesem schweren Leichten beruht die Vorzüglichkeit des guten Geschmacks und seine Würze.“ Musik also, die so unterhaltsam, so populär daherkommt, dass sie federleicht wirkt, ist ihren Schöpfern keineswegs zugeflogen. Je natürlicher sie scheint, desto größer ist die Kunst, die dahinter steckt. Und das richtige Maß zu finden zwischen dem eigenen Anspruch und der Neigung des Publikums war die stete Herausforderung.

Die styriarte 2011 erzählt eine Geschichte der schweren „leichten Muse“. Sie beginnt im Frankreich der Loire-Schlösser, wo die Komponisten alle Kunst der Renaissance einsetzten, um prickelnde Erotik in Tönen auszudrücken – nicht mehr und nicht weniger. „Gerade das Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht“, so wollte Mozart seine Klavierkonzerte haben, doch selbst er übertrieb es manchmal mit der Kunst: „vergiß also das so genannte populare nicht, das auch die langen Ohren kitzelt“, die Eselsohren, so ermahnte ihn der Vater, als er am „Idomeneo“ schrieb, und Wolfgang antwortete: „wegen dem sogenannten Popolare sorgen sie nichts, denn in meiner Opera ist Musick für aller Gattung leute; – ausgenommen für lange ohren nicht.“

Die Balance, die einem Mozart scheinbar so mühelos gelang, hat auch Bedřich Smetana erreicht. Seine melodiensatte Oper „Die verkaufte Braut“ wurde zum Welterfolg – bis heute. „Jeder kann das verstehen, und zugleich wird der musikalisch Anspruchsvollste befriedigt – ein wahrhaft mozartischer Smetana-Effekt. Die schwierige Kunst des Vollkommenen im scheinbar Einfachen: in dieser Partitur ist sie Ereignis geworden.“ So hat das Kurt Honolka beschrieben. Erstmals liegt diese „Braut“ am Notenpult von Nikolaus Harnoncourt, der sie in einer halbszenischen Produktion und natürlich in einer ganz besonderen Fassung vorstellt. Es wird ein Fest für Stimmen in den leichten Rhythmen Böhmens – oder doch mehr? Steckt etwa Doppelbödiges, Schweres in der Leichtigkeit dieser ländlichen Komödie? Eduard Hanslick hat es so auf den Punkt gebracht: „Smetana hält seiner Musik alles Rohe und Triviale fern. Stets natürlich, volkstümlich und melodiös, wird sie doch niemals ordinär; eine höchst seltene Erscheinung auf diesem Gebiete und einer der größten Vorzüge Smetanas.“

Dass Joseph Haydn weit mehr war als ein Meister heiterer Scherze, das hat Nikolaus Harnoncourt in Graz oft genug bewiesen. 2011 greift er dafür zum meistgespielten „Gag“ des alten Haydn, „dem“ Paukenschlag schlechthin. Und er richtet sein besonderes Augenmerk auf den frühen Haydn. So leicht, wie dem dreißigjährigen Kapellmeister in Eisenstadt die „Tageszeiten“-Sinfonien in den Schoß fielen, so schwer tat er sich mit der „Caecilienmesse“.

Auch Bach hat seine große Messe erst nach und nach vollendet. Für Jordi Savall wird sie zum Prüfstein des „leichten Schweren“. Er kehrt das Motto um, wenn er Bachs komplizierte Fugen wie leichtfüßige barocke Tänze swingen lässt. Ansonsten hält es der Maestro aus Barcelona in der styriarte 2011 mit der Leichtigkeit des Seins, die er in englischer Gambenmusik und kreolischer Musik Lateinamerikas beschwört.

Ist also das „so genannte Populare“ zuerst eine Frage von Tanzrhythmen und volkstümlicher Melodik – Musik, die in die Beine geht, und dann ins Ohr? So einfach ist es sicher nicht. Vivaldis unverwüstliche „Jahreszeiten“, Bachs „Air“ und Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ sind alles andere als Gassenhauer. Was macht ihre Faszination aus? Warum wurden gerade sie so populär? Und was passiert mit Schönberg und Strawinsky, wenn sie der leichten Muse frönen, was mit Beethoven, wenn er einen Schlager variiert? Das Feld des „schweren Leichten“ scheint unerschöpflich. Natürlich darf in Graz dabei auch Johann Joseph Fux nicht fehlen, der sich auf Eingängiges so gut verstand. Dieses und mehr wird den steirischen Festspielen 2011 einer genaueren Betrachtung wert sein.
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2010 - Heimat, bist du
25. Juni – 25. Juli 2010
Wenn sich in seiner offiziellen Hymne ein „Volk, begnadet für das Schöne“ feiern lässt, dann muss es dort eine ganz besondere Beziehung geben zwischen den Menschen und der Kunst. Zumindest aber hat dann die Kunst, das Schöne, den Rang von nationaler Bedeutung. Paula von Preradović hat diesen Hymnen-Text geschrieben, als nach dem Ende der Naziherrschaft inmitten aller materiellen und seelischen Zerstörungen die ersten Keime der Hoffnung aufgingen. In einer Zeit, da die Schrecken des Nationalismus und anderer Ismen noch handgreiflich zu spüren sind, definiert sie Österreich durch seine scheinbar unbelasteten Eigenheiten: als Natur („Land der Berge …“) und als eine Gesellschaft der Kunstschaffenden. Und dies nicht nur aus eigener Anschauung, sondern als Resultat des Blickes von außen: „vielgerühmtes Österreich“.
Die styriarte 2010 nimmt diesen Faden auf und fragt unter einem Motto aus Paula von Preradovićs Hymne nach der Nation Österreich, und danach, wie diese durch ihre zentrale Kunstgattung geprägt wird: die Musik. Die Suche nach Österreich in der Musik führt weit zurück in eine Zeit, die von Nationen noch nichts weiß, dafür aber von Familien, die ihr Territorium als gottgegebenen Besitz wahren wollen. Es überrascht, wie sehr die Kunst schon im Mittelalter den Rang einer Hofhaltung bestimmt. Und wie stark schon die erste österreichische Herrscherfamilie, die Babenberger, ihren Ruhm durch Hofmusiker mehrt. Walther von der Vogelweide ist quasi der erste in einer langen Reihe von Hofkomponisten, die das styriarte-Publikum durch die Jahrhunderte geleiten. Von den Babenbergern zu den Habsburgern, die sich wie Kaiser Friedrich III. sein Herrschermotto in Musik fassen lassen, die wie Ferdinand III. oder Leopold I. selbst komponieren oder die wie Joseph II. die genialsten Komponisten der Welt an ihrem Hof versammeln. Und einen steirischen Bauernbuben in die illustre Reihe der Wiener Hofkomponisten aufnehmen: Johann Joseph Fux, dessen 350. Geburtstag 2010 gefeiert wird und auf den die styriarte ein besonderes Augenmerk richtet.
Aber auch der Untergang der Habsburgermonarchie lässt sich musikalisch erzählen: Ist doch der erwachende Nationalismus, der das Riesenreich schließlich von innen zerreißt, ganz eng mit den regionalen Identitäten verknüpft, deren Sprache eben auch die Musik ist. Tschechen und Ungarn, Kroaten und Slowenen erfinden sich als Nation zuerst in der Kunst, bevor sie tatsächlich politische Eigenständigkeit durchsetzen. Smetanas „Má vlast“ spielt dabei eine herausragende Rolle, aber die Wurzeln der nationalen Musiken Österreichs reichen weiter und tiefer zurück, in die Volksmusiken der so unterschiedlichen Gesellschaften, die sich im Kaiserreich versammeln. Und natürlich zu den Bürgern Österreichs selbst, die in der Musik ihre eigene Identität finden, die im Wiener Walzer die Bedrückung der Metternich-Ära wegtanzen oder mit Schuberts Liedern das eigene, bedürftige Selbst erfinden. Daraus entsteht ein so vielfältiges, so buntes Bild Österreichs, wie es der gängige Nationalismus gerade nicht haben möchte.
Ausgrenzung, Fremdheit, Abschottung sind die Kehrseiten der Entdeckung der Nation. Wer dazugehören darf und wer nicht, das ist ein veritabler Kulturkampf, der eben auch auf dem Gebiet der Musik ausgetragen wird. Auch diese Geschichte erzählt die styriarte. Denn Heimat hat sich wie überall so auch in Österreich stetig verändert und tut das auch heute. Unterschiedlichste Menschen haben hier eine neue Heimat gefunden und ihre Kultur mitgebracht. Andere gingen ins Exil und haben Österreich im Herzen und in der Musik mitgenommen. So wie der große Grazer Komponist Robert Stolz. In die USA emigriert, begann er dort mitten im Krieg mit einer Serie von Wiener-Walzer-Konzerten. Auf die Frage, warum er denn inmitten des Schreckens so etwas programmiere, sagte er sinngemäß: Wir dürfen den Nazis nicht unsere Musik überlassen. Wir müssen sie spielen, um zu zeigen, dass in ihr das ganze humanistische Potential liegt, das es zu schützen gilt. Was Paula von Preradović meinte, als sie die Österreicher als „begnadet für das Schöne“ zeichnete, kann man kaum besser zusammenzufassen. Sie wird diesen Satz weniger als Selbstlob denn viel mehr als Beschwörung verstanden haben. Als Hoffnung, dass die Kunst, die Musik hier tatsächlich etwas erreichen kann, ein Medium der Menschlichkeit sein kann. Diese Heimat meint die styriarte 2010. Diese Heimat klingt. Sie liegt im Imaginären, man kann sich nicht auf ihr ausruhen, sondern sie muss immer neu erarbeitet werden.
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2009 - Der Menschheit Würde
26. Juni bis 26. Juli 2009
Friedrich Schiller hat gerne nach den Sternen gegriffen. Und er hat sich nicht gescheut, die ganz großen Wahrheiten gelassen auszusprechen. Er hat viel verlangt von den Menschen, so wie es ein Idealist eben tut. Und als er sich über die Aufgaben der Künstler Gedanken machte, hat er ihnen sogleich die Würde der gesamten Menschheit in Verantwortung gegeben. War so viel Idealismus zuviel des Guten? Doch blickt man wachen Auges in die Welt, dann scheint auch heute kaum etwas drängender als die Frage, wie es denn um die Würde der Menschen bestellt ist und wer wirklich für sie eintritt.

Einer hat künstlerisch nie mit kleiner Münze bezahlt: Nikolaus Harnoncourt. Er stellt in seiner Arbeit immer die Frage nach dem großen Ganzen. Und wenn er nun in der styriarte uns und sich im Jahr seines 80. Geburtstags einen weiteren künstlerischen Lebenstraum erfüllt, dann liegt es einfach auf der Hand, grundsätzlich und nicht nur mit Schiller die Frage nach der Menschheit Würde zu stellen. Denn Nikolaus Harnoncourt wird ein Werk realisieren, das wie kaum ein anderes dazu geschaffen wurde, Menschen, die in Verachtung lebten, durch die Mittel der Kunst zu würdigen: George Gershwins Oper „Porgy and Bess“. Einen körperlich schwer behinderten, bettelarmen Afroamerikaner zum Helden einer Oper zu machen, ihn in seiner Sprache seine Musik – den Jazz – singen zu lassen und das ganze Stück mit Schwarzen zu besetzen – das war im Jahr 1935 eine Ungeheuerlichkeit und ein Meilenstein der Musikgeschichte zugleich. Und es zeigt, wie stark die Mittel der Kunst sein können: Bis heute sind die Porgy-Hits wie „Summertime“ unvergessen, und das Werk ist ein emanzipatorischer Welterfolg.

Menschen ihren Wert zugestehen – Musik kann das tatsächlich sehr gut. Und dabei muss es keineswegs ernst zugehen, ganz im Gegenteil. Denn gerade an der einen Wurzel der Tonkunst, der Volksmusik, wartet oft pure Heiterkeit. Und an der anderen Wurzel, der spirituellen, ist nicht weniger als das Heilige angelegt – so lässt Hildegard von Bingen in ihrem „Ordo virtutum“ gleich ganze Heerscharen engelhafter Tugenden von der Einzigartigkeit der menschlichen Seele singen.

Oft haben gerade die größten Komponisten ihre schönsten Stücke dann geschrieben, wenn sie die Welt grundsätzlich verbessern oder wenn sie vielleicht sogar ganz konkret helfen wollten. Georg Friedrich Händel zum Beispiel sammelte mit Oratorien Geld für ein Waisenhaus. Er gehört zu den vier Meistern, denen wir 2009 als Jahresregenten besondere Aufmerksamkeit schenken. Und bei allen vieren stellt sich die Frage nach der Würde des Menschen exemplarisch. Henry Purcell hat in Zeiten der Seuchen und des Glaubensstreits ein Antikriegsstück über die „Würde Englands“ und dessen mythischen König Artus geschrieben, dessen Heiterkeit bis heute verblüfft. Georg Friedrich Händel hat die persönliche Verantwortung jedes einzelnen Menschen in den Mittelpunkt seines Schaffens gestellt und dabei die unglaubliche Schönheit des Lebens gefeiert. Joseph Haydn hat Witz und Ironie gerade im scheinbar Simpelsten, im Einfachsten gefunden. Und das Werk Felix Mendelssohn-Bartholdys, eines der größten Genies der Musik, war aus rassistischen Gründen Verbot und Schmähung ausgesetzt. Hier zeigt sich beispielhaft, wie Menschenwürde und Musik auch real verwoben sind.
Auf all diesen Spuren wandert die styriarte 2009. Sie versammelt klingende Boten der Humanität. Sie zeigt, wie über Jahrhunderte immer wieder Künstler versuchen, dem menschlichen Treiben Einhalt zu gebieten oder ihm Wege aufzuzeigen. Wege in eine bessere Welt. Das mag idealistisch sein, doch wenn selbst die Künstler die Aufgabe ausschlügen, die Schiller ihnen in seinem Gedicht „An die Künstler“ überträgt, wer sollte sie dann übernehmen?
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2008 - Alles fließt
27. Juni bis 27. Juli 2008
„Fuor del mar, ho un mar in seno“: Aus den Wellen gerettet, findet der Kreterkönig Idomeneo dennoch keine Ruhe: Der Sturm wütet nun in seiner Seele. Das Drama des Menschen, der dem schwankenden Geschick schutzlos ausgeliefert ist, wurde immer schon in die Metapher vom stürmischen Meer gekleidet. Wer hat sie ergreifender vertont als Mozart in seiner großen Oper „Idomeneo“?

Der Geniestreich des 24-Jährigen steht, dirigiert und inszeniert von Nikolaus Harnoncourt, im Zentrum der styriarte 2008. Der Grazer Maestro kehrt konsequent zur Münchner Urfassung des Werkes zurück und bietet dafür eine sensationelle junge Sängerbesetzung auf – rund um den albanischen Tenor Saimir Pirgu in der Titelpartie. Die Kraftreserven des Arnold Schoenberg Chors trotzen Neptuns Stürmen. Der Originalklang des Concentus musicus Wien wird von Mozarts revolutionärster Partitur bis an seine Grenzen gefordert.

Doch das Meer tobt nicht nur rund um Kreta, die von Neptun gestrafte Insel. Auch im Hamburger Hafen wüten antike Gottheiten im Auf und Ab der Gezeiten. Wir sehen die Lagunenstadt Venedig sturmgepeitscht. Händels Opernhelden von haushohen Wellen verfolgt – wie Kommissar Brunetti in den Romanen der Donna Leon. Die styriarte 2008 blättert in den musikalischen „Seestücken“ des Barockzeitalters und malt ein Fresko entfesselter Urgewalten.

Das „Mare nostrum“ der Römer, das Meer, in dem auch Kreta liegt, liefert dem Festival einen dritten Erzählstrang: So wie die griechischen Heimkehrer aus Troja vom Zorn der Götter in alle Himmelsrichtungen verstreut wurden, so verschlug es auch die sephardischen Juden an alle Küsten des Mittelmeers. Jordi Savall erzählt ihre Geschichte. In einem zweiten Programm verfolgt er den Weg der spanischen Armada bis vor Englands Küste. Wir hören vom Sieg eines englischen Seehelden in Ägypten und vom Mythos des „Jungbrunnens“ in der mediterranen Welt.

Weniger mythisch geht es hierzulande zu, wo Flüsse und Seen, Brunnen und Quellen die Menschen mit Trinkwasser versorgen. Heilsam wirken sie auf Körper und Seele, wie es auch Komponisten immer wieder erfahren haben: Bach in Karlsbad, Brahms am Thuner See, Schubert in Bad Gastein. Gerade den Romantikern wurden Bäche und Seen zum Sinnbild für Lebensglück und Menschenschicksal. Bei Franz Schubert ist alles im Fluss: die Launen der „Forelle“ und der „Schönen Müllerin“, die himmlischen Längen seiner späten Kammermusik.

„Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen.“ Dem großen Komponisten mit dem Wasser im Namen widmet die styriarte einige Kapitel ihres Programms. Und sie geht den Mythen des Meeres im Kino nach. Für die letzte styriarte-Woche verwandelt sich dann die Helmut-List-Halle selbst in ein Schiff, in die S.M.S styriarte“.

„Alles fließt“ – im Leben wie bei der styriarte 2008.
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2007 - Wanted: Europa
22. Juni bis 22. Juli 2007
Europa, die phönizische Prinzessin, pflückte mit ihren Freundinnen am Meeresufer Blumen. Da entsprang den Wellen ein Stier, so schön und anziehend, dass Europa auf seinen Rücken stieg und sich von ihm von den Hängen des Libanon gegen Osten übers Meer tragen ließ. Der Stier war der verwandelte Göttervater Zeus, der Europas Schönheit verfallen war und dem sie sich nun bereitwillig fügte. In Kreta ging Zeus mit seiner Beute an Land und zeugte mit ihr den späteren König Minos: die mythische Geburtsstunde unseres Kontinents.

„Wanted: Europa“ – unter diesem vieldeutigen Motto macht sich die styriarte 2007 auf die Suche nach der entführten Prinzessin aus mythischer Vorzeit ebenso wie nach dem Kontinent und seiner sich wandelnden Identität. Gerade die Musik als eine universale
Sprache knüpfte wieder und wieder Bande in diesem zerrissenen Gebilde Europa.

Bande über die Gräben zwischen Glauben und Aufklärung ebenso wie zwischen Christen, Juden und Moslems. Beethoven setzte dem Revolutionär Napoleon ebenso ein ewiges Denkmal wie dem Gott der Christenheit – in seiner C-Dur-Messe und im Oratorium „Christus am Ölberge“, die Nikolaus Harnoncourt dirigiert. Jordi Savall und Vladimir Ivanoff bauen in ihren Programmen abgebrochene Brücken zwischen den mediterranen Kulturen wieder auf.

Der Wandel der Jahreszeiten prägt den europäischen Menschen. Davon erzählen Vivaldis „Quattro Stagioni“ oder die „Quatre saisons“ des französischen Renaissance-Meisters Claude le Jeune ebenso wie Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“. Nikolaus Harnoncourt dirigiert dieses Hohe Lied auf den Fleiß und die üppig blühenden Felder in erlesenster Besetzung.

Von Europa reden heißt auch: von Nationen reden. Gerade reisende Musiker wie die Mozarts haben nationale Eigenheiten deutlich empfunden und beschrieben. Und auch in der Musik selbst gaben häufig genug die „Nationalstile“ den Ton an. Dann wiederum wendete sich das Blatt: Das Madrigal und das Streichquartett kannten keine Grenzen, die Renaissance und die Klassik waren übernationale Stile. Und auch im Barock hielt es ein Bach lieber grenzenlos: mit dem „vermischten Geschmack“.

Wenn im politischen Kampf um nationale Identitäten Abgrenzung das Gebot der Stunde war, so hat die Musik die Politik oft genug unterlaufen. Und auch heute öffnet die Musik Horizonte, hinterfragt alte Vorurteile und zeigt, dass Europa kein erstarrtes Gebilde ist, sondern immer wieder neu entsteht – als Vision, Möglichkeit und Hoffnung.
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2006 - Endlich glücklich
23. Juni bis 30. Juli 2006
„Alle Menschen wollen glücklich sein“ (Aristoteles bringt es wie immer auf den Punkt). Doch was stellen sie nicht alles dafür an! Man jagt das Glück oder will es zwingen, überlisten, festhalten – und mancher scheint es schlicht zu übersehen. Höchste Zeit also, dass sich die styriarte mit diesem flüchtigen Gut beschäftigt und 2006 meint: Endlich glücklich!

Welche Gefahren allerdings auf der Suche nach dem Glück lauern, das zeigt Goethes Figur des Faust geradezu sprichwörtlich. Und im rastlos suchenden Faust fand sich auch der Komponist Robert Schumann wieder. Seine überwältigenden Faust-Szenen wurden ihm zum Lebenswerk. Nikolaus Harnoncourt wiederum krönt mit der Grazer Aufführung seine eigene langjährige Suche nach der Seele der deutschen Romantik.

Wie selbstgewiss man dagegen auf die Schrecken der Welt reagieren kann, wenn man im festen Glauben auf ein besseres Jenseits lebt, zeigen Nikolaus Harnoncourt und sein Concentus Musicus mit den großen Kantaten Johann Sebastian Bachs unter dem Motto „Freue dich, erlöste Schar“.

Doch wo könnte das Glück auf Erden liegen? Für viele Komponisten jedenfalls waren es ganz bestimmte Orte, an denen sie zu sich selbst fanden. Und so folgt die styriarte Händel nach Rom, Haydn nach London, Mozart nach Prag oder Schubert ins Schilcherland,. Sie spürt das Glück der Kindheit in Schumanns Kinderszenen auf, feiert es – Mazel tow! – auf einer jüdischen Hochzeit im Schtetl und – Tu felix Austria! – auf einer Habsburger Hochzeit in Eggenberg. Sie wagt sich mit Mozart an die Spieltische des 18. und mit Cole Porter in die Casinos des 20. Jahrhunderts. Und sie findet es mit Jordi Savall in einer Figur, die als „Ritter von der traurigen Gestalt“ verspottet wird, aber dennoch glücklich ist: Don Quijote.

Endlich glücklich. Für die styriarte ist klar, dass in der Musik wie in kaum einem anderen menschlichen Tun ein Weg zum wahren Glück liegt. Rund fünfzig Etappen auf diesem Weg stellen wir auf den folgenden Seiten vor. Lassen Sie sich darauf ein!
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2005 - Sinnlich
25. Juni bis 30. Juli 2005
Fünf Sinne hat der Mensch. Sie bilden sein Tor zur Wirklichkeit. Nur durch Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken können wir die Welt um uns wahrnehmen, und obwohl wir schlechter riechen oder sehen als viele Konkurrenten im Tierreich, haben wir in der Koordination unserer Sinne alle anderen Lebewesen überflügelt. Wir haben nicht nur Sinne, wir sind Sinnlichkeit, wie es Karl Rahner formulierte: Dem sinnlichen Menschen widmet die styriarte 2005 ihr Programm.

Der Inbegriff weiblicher Sinnlichkeit steht am Beginn des Festivals: die Zigeunerin Carmen im verführerischen Klanggewand von Georges Bizets Musik. Nie hätte er sie sehen sollen, nie ihre Blume riechen, nie ihren Gesang hören, gereut es zu spät den Brigardier Don José. Nikolaus Harnoncourt und seine Carmen Nora Gubisch werfen die Netze mediterraner Sinnlichkeit über das styriarte-Publikum aus, Andrea Breth erzählt eine längst vertraute Geschichte neu.

Mediterran ist auch der zweite Opernheld des Festivals, doch ist er seiner Sinne nicht mehr mächtig: Orlando, der rasende Ritter Roland, stürmt sinnlos verliebt durch die Seiten des üppigsten italienischen Renaissance-Epos. Aus Ariosts „Orlando furioso“ machte Joseph Haydn seine tragikomische Oper „Orlando paladino“. In konzertanter Aufführung dirigiert Nikolaus Harnoncourt dieses Feuerwerk Haydn‘schen Witzes über Verführung, Liebe und Wahnsinn.

Rund um die beiden Opernhelden entstehen ganze mediterrane Panoramen. Nietzsches Devise „il faut méditerraniser la musique“, der Begeisterung für „Carmen“ entsprungen, hat sich die styriarte 2005 auf ihre Fahnen geschrieben: In Arianna Savalls Programm „Bella terra“ begegnen wir der Reinheit des iberischen Mittelalters, Jordi Savall entführt in die schillernde Welt von Spaniens „Siglo d'oro“. Spanien, mit den Augen der Franzosen gesehen und gehört, ist ein weiterer roter Faden im Festival - von den „Folies d'espagne“ bis zu Ravels "Bolero".

Orlandos Wahn dagegen öffnet die Pforte für Grenzerfahrungen. Können wir unseren Sinnen trauen, ist es wahr, was wir sehen? Zauberei verwirrt uns die Sinne und gaukelt falsche Wirklichkeit vor. Die großen Zauberinnen der Antike und des Mittelalters, Medea, Circe und Armida, täuschen die Männer, doch sie verfangen sich im eigenen Netz und werden als Täuschende enttäuscht.

Ungetrübt sind die Sinneserfahrungen bei den kleinen und großen Festen der styriarte: Gaumenfreuden und Hörgenüsse gehen eine zwar zauberhafte, aber durchaus diesseitige Verbindung ein. Der große Esser Händel, der große Koch Rossini, Bach im Kaffeehaus und Orlando di Lasso im Weinkeller sind die Themen dieser Konzerte, in denen die Musik allein nicht ausreicht, um unsere Neugier zu stillen.

Der letzte Weg im Sinnenrausch des Festivals führt nach oben: Vom Tanz orientalischer Derwische bis zu den Tanzrhythmen in Bachs h-Moll-Messe reichen die Spuren jener Überzeugung, nach der man auch Gott nur auf sinnlichem Wege erfahren könne. „Meine Seele hört im Sehen, um den Schöpfer zu erhöhen“, dichtete der Hamburger Barockdichter Brockes, und nicht nur Händel hat dieser Devise seine Töne geliehen.
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2004 - Von Zeit zu Zeit
19. Juni bis 25. Juli 2004
„DIE ZEIT, DIE IST EIN SONDERBAR DING… Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel, da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Und zwischen dir und mir, da fließt sie wieder, lautlos, wie eine Sanduhr…“ Was Hofmannsthals Marschallin über die Zeit sagt, könnte der styriarte 2004 als Motto dienen. Die steirischen Festspiele bewegen sich „von Zeit zu Zeit“: von der Lebenszeit zur Gotteszeit, aus der Vergänglichkeit in die Ewigkeit, zwischen den Tages- und Jahreszeiten und in den Zeiten der Musik, die man „Tempi“ nennt.
Bei der styriarte fließt die Zeit freilich nicht „lautlos wie eine Sanduhr“, sondern klangvoll – in den Rhythmen jener Kunst, die die Zeit wie keine andere fühlbar macht. Zeitschichten und Zeitabläufe werden in der Musik in sinnliches Erleben umgewandelt. Musik gliedert die Zeit, macht ihr Rieseln hörbar und hält sie zugleich an. Das „Verweile doch, du bist so schön“ wird in ihr zum erfüllten Moment, zur Illusion von Unendlichkeit.
Dank dieser Illusion konnten Komponisten in endlichen Klängen die ewige Ruhe der Toten beschwören. Nikolaus Harnoncourt und Stefan Vladar dirigieren bei der styriarte zwei große, selten zu hörende Requiem-Vertonungen. Sie stammen von zwei Komponisten, an deren Todestage sich die Musikwelt 2004 erinnert: Heinrich Ignaz Franz Biber, gestorben 1704, und Antonin Dvorák, gestorben 1904.
Die Frage, was jenseits des Lebens liegt, dort, wo die „Zeit ohne Zeit“ beginnt, hat Menschen immer bewegt. Telemann hat sie in seinem Oratorium „Der Tag des Gerichts“ mit dem Optimismus des Aufklärers beantwortet, Franz Schubert in seinem Lied „Gruppe aus dem Tartarus“ mit dem Schauder des Romantikers. Beide Stücke stehen auf dem umfangreichen Festivalprogramm von Nikolaus Harnoncourt. Wieder gesellen sich zu ihm Pierre-Laurent Aimard am Klavier und das Chamber Orchestra of Europe, der Concentus Musicus Wien und der Arnold Schoenberg Chor, internationale Gesangs- und Streichersolisten, um klassische Werke von Haydn, Beethoven, Schubert und Schumann in neuen Deutungen vorzustellen.
Telemann und Dvorák begegnen uns auch in anderen Programmen des Festivals – solchen, die sich den Zeitabläufen des Alltags widmen, dem reglementierten Fluss des Lebens und den (Ge-)Zeiten der Natur. Dabei dürfen Telemanns „Hamburger Ebb und Fluth“ ebenso wenig fehlen wie Haydns Tages- und Vivaldis Jahreszeiten.
Die Gotteszeit herrscht in den styriarte-Programmen mit alter Musik vor 1700. Der Ablauf des Kirchenjahres wird in gregorianischen Gesängen nachgezeichnet, das alttestamentarische Buch Kohelet in Musik des Frühbarock gedeutet. Jordi Savall inszeniert ein monumentales Oratorium über die Welt und die Zeit aus dem Jahr 1600, Cavalieris „Rappresentatione di anima e di corpo“, und er erzählt in Musik die Lebensgeschichte eines herausgehobenen Menschen: der Gottesmutter Maria.
Ein eigenes Kapitel widmet die styriarte den Zeiten der Musik, den Tempi. Adagio, Largo, Presto und die eigenwilligen Zeitverläufe beim späten Schubert stehen hier auf dem „timetable“. Und schließlich gibt es auch wieder, wie 2003, Feste im Festivalkalender: ein Orgelfest, ein Fest der Vergänglichkeit, ein Mittsommerfest zur Eröffnung. So ist die Zeit bei der styriarte 2004 allgegenwärtig – in den Gesichtern, in den Schläfen, „um uns herum“ und „in uns drinnen“, wie Hofmannsthal gesagt hätte.
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2003 - Die Macht der Musik
19. Juni bis 27. Juli 2003
Für die einen ist sie „Sprache des Gefühls“, für die anderen schlicht „anspruchsvolle Unterhaltung“, wieder andere hören aus ihr ein „Gespräch unter vernünftigen Leuten“ heraus. So vielfältig wie die Versuche, Musik zu definieren, sind auch ihre Wirkungen. Und doch bleibt ihre Macht über die Herzen immer ein Rätsel, ihr Zauber unerklärlich.

Die styriarte 2003 macht sich auf die Suche nach den Wurzeln jener geheimnisvollen Macht. Sie sucht sie in Momenten des menschlichen Lebens, die ohne Musik nicht vollständig wären: Tanz und Fest, privates Glück und öffentlicher Freudentaumel, Gotteslob und Trauer.

Feste geben der styriarte 2003 ein neues Gesicht: ein Fest für Orpheus, ein Fest für Hugo Wolf, Don Giovannis Festmahl und „Tanz.fest“ für Tanzfeste. Musik wird ins Leben gestellt, an die Tafel, aufs Parkett und in den weiten Raum zwischenmenschlicher Beziehungen. Im neuen „Festspielhaus“ der styriarte und in Schloss Eggenberg finden diese Abende ihren angemessenen Rahmen.

Schon sein Motto verdankt das Festival einem Fest: „Alexander’s Feast“ in der barocken Sicht von Dryden und Händel. Diese grandiose Ode auf „die Macht der Musik“ wird dank Nikolaus Harnoncourts packender Interpretation zur Metapher für das Festival: Menschen versammeln sich am besonderen Ort, um sich von der Musik erheben zu lassen. Dies kann durch schiere Virtuosität geschehen wie in einem Klavierkonzert mit Pierre-Laurent Aimard, durch barocke Sinnenlust wie in den Caecilienoden Händels und Purcells, oder durch die Einheit von Wort und Ton in Goethevertonungen Beethovens, Mendelssohns oder Schuberts. Nikolaus Harnoncourt ist in diesen Manifestationen des Erhabenen der Regisseur der Affekte bei der styriarte 2003.

Und in Jacques Offenbachs Operette „Die Großherzogin von Gerolstein“ geht Harnoncourt den „leibhaftigen Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen“, wie Karl Kraus gesagt hätte. In der französischen Urfassung, mit der großartigen Marie-Ange Todorovitch in der Titelpartie und dem Chamber Orchestra of Europe ist die „Grande-Duchesse“ die Musiktheater-Produktion der styriarte 2003 - Premiere sowohl für die neue Helmut-List-Halle als styriarte-Opernbühne wie auch für Jürgen Flimm als styriarte-Regisseur.

Um das große Offenbach-Ereignis kreisen kleinere: Offenbach als Cellist, Offenbach durch die Brille von Karl Kraus, und eine Hommage an die erste Wiener „Großherzogin“, Marie Geistinger.

Die Macht des Gesangs ist nicht nur bei Offenbach und Händel ein Thema. Eine eigene Reihe von Konzerten widmet sich dem Singen und seinen Mythen. Der antike Sänger Orpheus geht seinen modernen Nachfahren voran: dem „Troubadour“ René Zosso, den Meistern des Lieds Wolfgang Holzmair und Florian Boesch, den Sängern von Jordi Savalls Capella Reial. Instrumentale Klangfarben - Renaissancelaute und Barockoboe, Markus Schirmers Fazioli und die Darmsaiten des Quatuor Mosaïques - vervollständigen das styriarte-Kaleidoskop der Klänge. Worin die Macht der Musik liegt, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Doch sie zu erfahren, dazu lädt die styriarte 2003 ein.
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2002 - ... den Blick nach oben
21. Juni bis 21. Juli 2002
Der Glaube versetzt Berge, auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Sehnsucht nach dem Göttlichen ist von einer Kraft, der keine Ideologie standhält. Den Blick nach oben gerichtet, haben Menschen die größten Leistungen der Zivilisation vollbracht, die grausamsten Zerstörungen ebenso. Im Spiegel der Musik fingen sie ihre Nöte und Bitten ein und sandten sie gen Himmel.
Zahlenmäßig geordnet wie der Kosmos, abstrakt wie die Geheimnisse der Schöpfung und doch beredt wie ein Gebet ist die Musik ein Himmelskind - Symbol des Göttlichen und zugleich eine Sprache, in der wir mit Gott zu kommunizieren scheinen. Deshalb haben Menschen und Musiker immer wieder auf die Macht der Musik vertraut, wollten sie dem Göttlichen näherkommen.
Die styriarte 2002 zieht eine Summe der nach oben gerichteten Gesänge aus einem Jahrtausend. Wallfahrt und Messe, Litanei und Gebet, Te Deum und Ave Maria, Choral und Hohes Lied, jüdische, moslemische und christliche Gesänge durchdringen sich und lösen einander ab. Im ewigen Kreislauf der Anrufung Gottes stehen die Menschen und ihre Nöte im Mittelpunkt: In Haydns „Heiligmesse“ erzwingt Nikolaus Harnoncourt nach fünf späten Haydnmessen noch einmal Gottes Gnade in kriegerischer Zeit. Cecilia Bartoli leiht ihm dafür ihren himmlischen Sopran. Mit einem Pilgerlied auf den Lippen fliehen Bauern vor den Türken, mit den Prunkgesängen eines Johann Joseph Fux feiert der Wiener Hof den Sieg über seine Feinde. In seinen Sterbemotetten für reiche Leipziger betrauert der Thomaskantor Bach auch den Tod seiner eigenen Kinder. Frohlockend und heiter schmückt sich die Braut für Gott, in Bachs Orgelchorälen wie in Hohelied-Gesängen.
Geheimnisvoller reden die großen Instrumentalwerke des 19. Jahrhunderts von Gott. Mit Beethoven und Schubert hielt die Erfahrung der Transzendenz Einzug in Sinfonie, Sonate und Streichquartett: als „heiliger Dankgesang“ bei Beethoven, als totale Erschütterung und doch voller Sehnsucht beim späten Schubert. Brahms und Bruckner, Mendelssohn und Franck setzten diesen Weg fort. Ihre „absolute Musik“, scheinbar nur „tönend bewegte Form“, redet überdeutlich vom Geheimnis der Gottheit - bis hin zu den Offenbarungen eines Olivier Messiaen. Interpreten wie Markus Schirmer, Pierre-Laurent Aimard, Eszter Haffner und das Quatuor Mosaïques überschreiten in ihren Konzerten die Grenzen zur „Macht des ganz Anderen“.
Dramen des Glaubens spielen sich auf den Bühnen der styriarte 2002 ab: Händel im Stefaniensaal, hin- und hergerissen zwischen dem italienisch-frechen Luzifer seiner frühen „Resurrezione“ und dem englisch-robusten Halleluja seines „Messias“, „Cantigas de Santa Maria“ aus dem mittelalterlichen Spanien mit Jordi Savall in der romanischen Basilika von Seckau, Hasses mythologisches Drama von Pyramus und Thisbe im styriarte- Festspielhaus. Und draußen, über den Dächern der steirischen Hauptstadt, erklingt das Drama der Glocken, das man vom Schlossberg aus erleben kann.
Drama, Gesang und instrumentales Gebet - drei Felder, auf denen sich die styriarte 2002 dem Göttlichen nähert.
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2001 - ... in eine beßre Welt entrückt
22. Juni bis 22. Juli 2001
„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, „Wahre Eintracht“, „Lux aeterna“ - die Vorstellung von einem besseren Leben in einer befriedeten Welt ist so alt wie die menschliche Gesellschaft selbst, und so verschieden wie die Gesellschaftsordnungen waren auch deren utopische Entwürfe. Thomas Morus und die anderen Klassiker der politischen Utopie haben ihre Gegenstücke in der Kunst, auch und gerade in der Musik, die sich der Zensur viel weiter entziehen konnte als Literatur oder Philosophie. Den Menschheitstraum von einer besseren Welt also zeichnet die styriarte 2001 in vielen seiner Facetten musikalisch nach, mit seinen Licht- und Schattenseiten.
In der abendländischen Kultur wurde über Jahrhunderte die christliche Vision von Lohn und Glück im Jenseits gepredigt. In ihrer innerlichsten Form, bei Bach, spricht sie uns noch heute unmittelbar an. Mittelalterliche Entwürfe vom Gottesstaat, wie sie die Gesänge der Mönche widerspiegeln, stammen aus einer archaischen Welt. Olivier Messiaen ließ diesen mittelalterlichen Traum im 20. Jahrhundert in machtvollen Klängen noch einmal aufleben, während der Agnostiker Verdi die christliche Utopie in seinem Requiem dramatisch mit den Ängsten der Menschen konfrontierte. Nikolaus Harnoncourt dirigiert dieses Werk erstmals in der styriarte 2001.
In der Aufklärung ersetzte die Vernunft den Glauben als utopische Instanz. Der kurze Traum einer aufgeklärten Gesellschaft von oben, wie ihn Friedrich II., Carl Theodor von der Pfalz und Joseph II. träumten, war vom Klang des galanten Zeitalters umhüllt. Die große Revolution, die Ernst machte mit der neuen Gesellschaft, fegte dieses Arkadien hinweg. Haydn und Beethoven reagierten darauf, jeder auf seine Weise: Nikolaus Harnoncourt dirigiert die träumerischste der späten Haydn-Messen, die „Theresienmesse“, neben Beethovens Trauerkantate für Joseph II. Und gemeinsam mit Pierre-Laurent Aimard spürt er in Beethovens zweitem Klavierkonzert dem Elan der Revolutionszeit nach.
Auf deren umkämpfte Utopie folgten Restauration und der brandneue Kapitalismus. Franz Schubert wurde im Polizeistaat Metternichs zum Sprachrohr einer Generation ohne Zukunft, die im „unendlichen Liebestraum“ seiner Musik in „beßre Welten“ vorzudringen versuchte. In den Pariser Salons feierte derweil die neue feine Gesellschaft Chopins Musik.
Im 20. Jahrhundert nehmen die Spannungen zu, politisch wie künstlerisch. Utopien entpuppen sich als grausame Unterdrückungssysteme und provozieren ebenso heftige Reaktionen in der Kunst. Schostakowitsch gegen Stalin, Viktor Ullmanns Theresienstadt-Oper „Der Kaiser von Atlantis“ gegen die Hitler-Diktatur, Israel und New York als Rettungsinseln für Flüchtende - überall errichtet die Kunst Fanale gegen mörderische Heilslehren.
Was bleibt davon 2001? Nicht nur die großen Illusionen der Traumfabrik Hollywood, sondern auch der Glaube an die stille Macht der Kunst, der die styriarte trägt.
2000
Das Bild vom Turmbau zu Babel steht in der styriarte über der Frage nach dem Werden von Gesellschaften, nach dem Entstehen kultureller Vielfalt. Die styriarte erzählt unter dem Motto „www.babel.vg“ Geschichten vom Reichtum, der in der Begegnung unterschiedlicher Kulturen entsteht. Nikolaus Harnoncourt spürt dem Reiz der „Donaumonarchie“ nach, Jordi Savall dem multikulturellen Andalusien vor 1500, die Jazz Big Band Graz dem Schmelztiegel New York. Mit Händels „Agrippina“ in der Inszenierung von Christian Pöppelreiter setzt Il Giardino Armonico seine Karriere als Opernorchester der Extraklasse fort und entführt die styriarte-Besucher in einer ausrangierten Industriehalle ins Rom von Kaiser Nero. Eine vielversprechende Zusammenarbeit wird von der styriarte etabliert: Nikolaus Harnoncourt beginnt mit dem bis dahin als Interpret Neuer Musik bekannten französischen Pianisten Pierre-Laurent Aimard eine Aufführungsserie von Beethovens Klavierkonzerten.
1999
Unter dem Titel „Erklär mir, Liebe!“, einem Gedicht von Ingeborg Bachmann entnommen, sucht die styriarte 1999 nach Worten und Tönen der Liebe – vom hohen Mittelalter bis zur Gegenwart. Nikolaus Harnoncourt betritt in diesem Themenfeld unerwartet Neuland und stellt sich als Wagner-Interpret (Tristan, Tannhäuser) vor, kontrastiert durch ein denkwürdiges Brahms-Programm rund um die Liebesliederwalzer. Il Giardino Armonico, die italienische Kultformation, betritt ebenfalls Neuland mit ihrem ersten Opernengagement in einer szenischen Produktion von Claudio Monteverdis „Orfeo“ im Grazer Schauspielhaus. Jordi Savall rundet den Monteverdi-Schwerpunkt des Festivals mit dessen 8. Madrigalbuch ab. Mit einer dreiteiligen Personale stellt die styriarte das Werk des estnischen Komponisten Arvo Pärt vor. Das Festival dehnt sich auf 42 Veranstaltungen aus, für die 26.000 Karten aufgelegt werden.
1998
Die styriarte beginnt einen Themenzyklus, der sich auf die Spur der Ursehnsüchte der Menschheit und damit zugleich auf die Spur der Urmotive der Kunst begibt. „Verlorenes Paradies?“ – dieses Motto lässt die styriarte träumen: den Traum vom verlorenen Garten Eden und der Rückkehr dorthin. Mit Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“ stellt Nikolaus Harnoncourt ein weiteres Schlüsselwerk der Romantik in den Mittelpunkt der styriarte und bricht in diesem Jahr auch eine Lanze für den Operkomponisten Joseph Haydn - „Armida“ mit Cecilia Bartoli in der Titelrolle wird zu einem Höhepunkt des Festivals.
1997
Die styriarte setzt ihre Klassikdiskussion fort und stellt die Ideen des Fragmentarischen und des Monumentalen einander gegenüber. Unter dem Motto „...aber noch viel schönere Hoffnungen ...“ (aus Grillparzers Grabrede für Franz Schubert) wird dieses Spannungsfeld mit einem Schwerpunkt auf Musik von Schubert und Brahms beschritten. Die Gesamtaufführung der Brahms-Sinfonien mit dem Chamber Orchestra of Europe einerseits und die Produktion von Schuberts Oratorienfragment „Lazarus“ andererseits, beides unter der Leitung Nikolaus Harnoncourts, sind die markanten Eckpfeiler dieses Festivaljahres. Auf der Opernseite erregt die Uraufführung der unvollendeten Schubert-Oper „Der Graf von Gleichen“ in der Fassung von Richard Dünser Aufsehen. Erstmals wird die styriarte auf vier Wochen ausgedehnt und präsentiert 35 Veranstaltungen.
1996
Die styriarte präsentiert sich in neuem Design – wie das Motto dieses Jahres „Einfach klassisch“. Unter diesem Thema durchstöbert die styriarte den Begriff „Klassik“, der mitunter als bequeme Schublade für die gesamte europäische Kunstmusik dient. Nikolaus Harnoncourt betritt in Graz ganz neuen Boden. Er bricht eine Lanze für den Opernkomponisten Robert Schumann und interpretiert in Starbesetzung dessen Oper „Genoveva“. Die „Klassik“-styriarte erreicht eine Auslastung von 93%.
1995
Die elfte styriarte folgt den „Spuren des Mythos“ zwischen dem Römersteinbruch in Wagna, wo der Theatermagier Gigi Tapella den Dichter Ovid sucht, und Schloss Eggenberg, wo Thomas Höft das mythologische Programm des Bauwerks in einer musikalischen Wanderung greifbar macht. Nikolaus Harnoncourt setzt Maßstäbe der Schubert-Deutung mit dessen Messen in Es und As. Und er finanziert und ermöglicht damit ein styriarte-Kinderprojekt: Die Zauberflöte im Zirkuszelt, präsentiert von Kindern für Kinder. Der Umfang der styriarte hat mittlerweile über dreißig Vorstellungen in drei Wochen erreicht, die Karteneinnahmen überwinden die 6-Millionen-Marke.
1994
Das styriarte-Thema „Brüche und Brücken“ wirft ein Beziehungsnetz über die europäische Musik zwischen Ars Nova des 14. Jahrhunderts und Neuer Musik unserer Zeit, zum Beispiel in einer spannenden Begegnung des Hilliard-Ensembles mit Jan Garbarek (Gothic meets Jazz). Nikolaus Harnoncourt versammelt eine Starbesetzung für eine konzertante Fidelio-Produktion. Mozarts Schauspieldirektor wird im Stefaniensaal zum ersten gemeinsamen Projekt zwischen Josef Hader und Harnoncourt. Die styriarte-Karteneinnahmen klettern in diesem Jahr auf rund öS 5,7 Mio.
1993
Das styriarte-Thema dieses Jahres, „Raum und Klang“, wird für das steirische Festival eine spannende Herausforderung. Dieses styriarte-Programm ermöglicht es, das einmalige Ambiente der Landeshauptstadt in neuen Dimensionen wahrzunehmen, seien es die Kalvarienberg-Kirche, das Mausoleum oder andere prächtige Gefäße für edle Klänge. Jordi Savall ist mit seinen Ensembles erstmals zu Gast in Graz.
1992
Kein Jahresregent, sondern ein Thema prägt fernerhin die styriarte-Programme, diesmal: „Sommer Nacht Traum“. Im Zentrum stehen Mendelssohns Sommernachtstraum-Musik und seine Walpurgisnacht mit dem Chamber Orchestra of Europe, Purcells Fairy Queen mit dem Concentus Musicus, alle drei unter Harnoncourt. Und rundherum „eine phantastische nächtliche Reise vom Mittelalter bis in die Gegenwart“.
1991
Mit der Neunten wird Harnoncourts Beethoven-Zyklus von 1990 abgeschlossen. Der einstige Spezialist für Alte Musik nähert sich mit dem Chamber Orchestra of Europe in Graz dem Werk von Mendelssohn, neben Johann Joseph Fux dem Jahresregenten der styriarte 1991. Edita Gruberova löst mit Mozart-Konzert-Arien im Stefaniensaal Begeisterungsstürme aus. Vor Schloss Eggenberg besorgen Pferde mit einem barocken Rossballett den szenischen Part der styriarte. Mathis Huber verantwortet seit diesem Jahr das Festival als Intendant. Die Karteneinnahmen überschreiten mit öS 3,5 Mio wieder eine Millionengrenze.
1990
Beethoven regiert dieses styriarte-Jahr: Harnoncourt beginnt seinen legendären Zyklus aller Beethoven-Symphonien, der später als CD-Produktion der Teldec ungeheuren Erfolg haben wird und damit die styriarte in alle Welt trägt. „Der Ohrenmaschinist“, Gert Jonkes Beethoven-Stück, kommt als Auftragswerk der styriarte im Schauspielhaus heraus, das Orpheum wird als styriarte-Spielstätte eingeführt, aber vom Publikum nicht angenommen. Im Budget bleibt dem Festival wieder ein Loch, Christopher Widauer verlässt das Unternehmen.
1989
Für die styriarte ist das ein Mozart-Jahr. Nikolaus Harnoncourt erobert mit seinem Concentus Musicus und dem Arnold Schoenberg Chor die Stainzer Pfarrkirche als Aufführungsort für Mozarts Kirchenmusik. Aber mit dem Dreiklang Mozart-Stainz-Harnoncourt wird nicht nur ein styriarte-Mythos begründet, sondern auch eine Serie von einmaligen CD-Einspielungen bei Teldec. „Ein Fest für Mozart“ hat mit einer Freiluft-Produktion von „Il Re Pastore“ im Eggenberger Schlosspark das Zeug zum Klassiker, geht aber im Regen unter.
1988
Das Chamber Orchestra of Europe kommt im Schubert-Jahr der styriarte mit einer zyklischen Aufführung seiner Symphonien, natürlich unter Harnoncourt, nach Graz. Bis 1988 sind der Grazer Dom und die Mariatroster Kirche Harnoncourts Kirchenmusik-Spielstätten der styriarte. Die Auslastung und das Angebot des Festivals steigen, die Karteneinnahmen klettern auf rund öS 2,7 Mio. Dennoch: Andrea Herberstein verlässt das Festival nach diesem Jahr, als Programmleiter folgt ihr Christopher Widauer.
1987
Joseph Haydn ist der Jahresregent des Festivals, und erstmals leitet Nikolaus Harnoncourt das junge Chamber Orchestra of Europe. Die letzten sechs Londoner Sinfonien Haydns im Stefaniensaal werden damit zum Grundstein einer fulminanten künstlerischen Zusammenarbeit, die von nun an jährlich in Graz Sternstunden für ein neugieriges Orchester und einen unkonventionellen Dirigenten bringen wird. „Ein Fest für Haydn“ im Schloss Eggenberg wird ein einmaliger Publikums-Erfolg, der in den Folgejahren nicht mehr einzuholen sein wird. Erstmals überspringen die styriarte-Karteneinnahmen mit rund öS 1,6 Mio die Millionenmarke.
1986
Der zweite Durchgang der steirischen Klassik-Festspiele ist einem feurigen Italiener gewidmet: Claudio Monteverdi. Harnoncourt bringt seine Marienvesper im dafür einmaligen Ambiente des Grazer Doms heraus. Den tiefsten Eindruck hinterlässt aber eine Musiktheater-Produktion im Schauspielhaus: Purcells „Dido and Aeneas“ mit Roberta Alexander und Thomas Hampson in den Titelrollen sowie mit dem Concentus Musicus unter Harnoncourt im Graben. Der Opern-Glanzpunkt fordert auch seine Opfer: Ein Loch im Budget lässt Wolfgang Schuster als künstlerischen Leiter abdanken.
1985
Lange schon hat sich der steirische Kultur-Landesrat Kurt Jungwirth bemüht, Nikolaus Harnoncourt für ein Festival in seine Heimatstadt Graz zurückzuholen. Gerade im „Jahr der Musik“ findet sich überraschend ein freies Feld in Harnoncourts Terminkalender, weil ein anderes seiner Projekte nicht realisiert wird. Ebenso überraschend tritt somit die styriarte auf die Bildfläche, mit dem Wiener Philharmoniker Wolfgang Schuster als künstlerischem Leiter und Andrea Herberstein als Generalsekretärin. Johann Sebastian Bach steht im Mittelpunkt des ersten Programms, die Johannes- und die Matthäuspassion im Grazer Dom mit dem Concentus Musicus unter Harnoncourt sind die Glanzpunkte der ersten styriarte.