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Die Quote bringt's!

Von Matthias Wagner

„Wir arbeiten so lange mit der Quote, bis sich die Gerechtigkeit durchgesetzt hat“, verspricht Mathis Huber, Intendant des Hauses styriarte – und ergänzt optimistisch: „Das funktioniert sicher, und es wird auch sehr schnell gehen.“

Die aktuelle Orchestersaison von recreation ist die fünfte, in der mindestens die Hälfte der Konzerte von Frauen dirigiert wird. Weil das im Jahr 2021 immer noch ungewöhnlich ist, machen wir am heutigen Weltfrauentag ein Thema daraus.

FRAUEN ANS PULT!

So lautet die Losung, die wir vor fünf Jahren ausgerufen haben. Dirigentinnen am Pult von recreation, das gab es schon länger, aber von Normalität war noch keine Spur. „Uns ist klar, dass die Quote auf diesem künstlerischen Feld ein etwas brachialer Schritt gewesen ist. Aber hätten wir diese Quote nicht eingeführt, würden wir unser Ziel nicht erreichen“, erklärt Mathis Huber die Beweggründe für diese Entscheidung.

80 MÄNNERNAMEN – 1 SCHLÜSSELERLEBNIS

Ausschlaggebend sei damals ein ganz bestimmtes Erlebnis gewesen: „2015 hätte Nikolaus Harnoncourt bei der styriarte mit dem Chamber Orchestra of Europe Dvořáks Achte dirigieren sollen, ist dann aber krankheitsbedingt ausgefallen. Also habe ich die lange Liste der Dirigenten studiert, die mit dem COE bereits zusammengearbeitet haben, um einen möglichen Ersatz zu finden. Und ich war schockiert von der Erkenntnis, dass alle 80 Namen, die dort gestanden sind, Männernamen waren.“

GOTTGEGEBEN?

Dabei, das wissen wir alle, ist gerade das COE ein weltoffenes, modernes Orchester, eine Institution, die den Werten einer liberalen Gesellschaft verbunden ist. Es sind offenbar die Umstände, die für diese katastrophale Statistik, mit 100 Prozent Männern am Dirigierpult, verantwortlich sind. Die jahrhundertelange Tradition, die das Dirigieren zur gottgegebenen Domäne des „starken Geschlechts“ erklärte, hält offenbar auch solche Institutionen gefangen, die es eigentlich besser wissen. Ausnahmen bestätigen die Regel, das erzählt uns dieser wunderbare Dirigentinnen-Überblick auf BR Klassik.

NIE WIEDER!

Zurück in den Frühsommer 2015. „Wir haben damals Karina Canellakis als Ersatz für Nikolaus Harnoncourt engagiert. Und mir ist klar geworden, dass uns so etwas wie diese Liste nie wieder passieren darf“, erinnert sich der Intendant. „Und dass wir das nur verhindern können, wenn wir es in einer Art Grundgesetz festschreiben – sprich: in die Geschäftsordnung. Natürlich macht das gewisse Schwierigkeiten. Vor allem, weil derzeit einfach noch viel mehr Männer auf dem Dirigiermarkt sind.“

Das Dirigieren sei ein ganz besonders hartnäckiger Spezialfall, erklärt Mathis Huber. „Frauen können Geigerin werden, können Komponistin werden, das ist vergleichsweise unproblematisch, weil es nicht so viele Ressourcen voraussetzt. Aber beim Dirigieren ist das anders: Da liegt es bei den Veranstalter*innen, ihre riesigen, teuren Klangkörper zur Verfügung zu stellen. Wir können von den Frauen ja nicht erwarten, dass jede von ihnen ein eigenes Orchester gründet, um Dirigentin sein zu dürfen. Das muss schon die Gesellschaft leisten, da muss sich ein neues Bewusstsein durchsetzen.“

DIE MAGIE DER VORBILDWIRKUNG

Das heiße übrigens nicht, dass man für die Quote einen Qualitätsverlust in Kauf nehmen solle. Diese Gefahr habe durchaus bestanden, räumt Mathis Huber ein, so lange der Markt an Dirigentinnen sehr klein war. „Aber darüber sind wir bereits hinweg. Das Problem, das wir heute haben, ist eher, dass weibliche Dirigentinnen extrem gefragt und daher schwer zu bekommen sind. Aber auch das wird sich lösen.“

Die Rechnung ist einfach: Wenn immer mehr Konzerte von Frauen dirigiert werden, werden immer mehr junge Frauen entsprechende Vorbilder erleben – und sich selbst eine einschlägige Ausbildung zutrauen. Das gehe glücklicherweise schneller als gedacht, freut sich Mathis Huber. „Als wir vor fünf Jahren angefangen haben, waren wir noch unter den Pionieren, was die Verpflichtung von Dirigentinnen betrifft. Heute ist das schon Standard.“

ÜBER KOMPONISTINNEN

Und auch beim Komponieren geht es in diese Richtung: „Früher war es üblich, dass bei sechs Uraufführungen an einem Abend alle sechs Stücke von Männern waren. Wir haben dann per Jux gesagt, machen  wir’s umgekehrt, und Kompositionsaufträge an sechs Frauen vergeben.“

Das fiel natürlich auf anno 2015. Genau solche provokanten Interventionen brauche es, um die Vision von der Geschlechtergerechtigkeit durchzusetzen, meint der Intendant – aber: „Ich glaube, beim Komponieren brauchen wir eher keine Quote. Dieser Bereich kann sich auch selbst regulieren, weil das Komponieren nicht an so große ökonomische Voraussetzungen gebunden ist, weil es nicht so abhängig ist von den Institutionen.“

5 ALTE, WEISSE MÄNNER – 1 SYSTEMFEHLE

Dass auch der gute Wille ein krankes System nicht von heute auf morgen in Ordnung bringen kann, erlebten wir bei der Eröffnung der styriarte 2020. „Da hat das Protokoll ergeben, dass es fünf Reden gab, und alle fünf Reden wurden von alten Männern gehalten. Das lag aber nicht an uns, sondern daran, dass alle Ämter, die dafür in Frage kamen – Bundespräsident, Vizekanzler, Landeshauptmann, Kulturstadtrat, Intendant – in der Hand von Männern sind.“

INSTANT-OPER ALS HEILSAMER AKTIONISMUS

Es war der erste Corona-Sommer, und Spontanität ohnehin die Tugend der Stunde. Also wurde spontan reagiert: Flora Geißelbrecht komponierte in wenigen Tagen eine Kurzoper für sechs Frauenstimmen, in deren Gesang die Eröffnungsreden der Redner eingebettet wurden. Mathis Huber: „So haben wir das System ein bisschen auf die Schaufel genommen, und das hat eigentlich gut funktioniert. In Bereichen, wo wir keine Quote festlegen wollen oder können, kann so ein Aktionismus weiterhelfen.“

Festredner und Vizekanzler Werner Kogler am Rednerpult
© Nikola Milatovic

Festredner und Vizekanzler Werner Kogler

© Filmstill/Matthias Wagner

Flora Geißelbrecht komponierte die Eröffnungsoper der styriarte 2020

ORCHESTERSTELLEN: PROBLEM GELÖST?

Dass der Kampf für Gleichberechtigung keineswegs umsonst ist, liest der Intendant an der Entwicklung bei den Instrumentalist*innen ab: „Alice Harnoncourt hat mir einmal erzählt, dass es vor 50 Jahren helle Aufregung gab, weil sie Konzertmeisterin in einem Ensemble mit lauter Männern war. Seither haben sich Frauen in vielen Orchestern durchgesetzt.“

Das stimmt zuversichtlich, auch wenn die Liste der Ausnahmen ebenso lang wie prominent ist. Man denke nur an die Berliner Philharmoniker (16 Prozent Frauenanteil) oder gar ihre Wiener Kollegen (9 Prozent), die überhaupt erst seit 1997 Frauen im Orchester akzeptieren – und bis heute kein einziges Neujahrskonzert unter einer Dirigentin gespielt haben.

RECREATION: DER ZUFALL MACHT HALBE-HALBE

Das Orchester recreation darf sich rühmen, schon viel weiter zu sein – genauer gesagt: am Ziel. Eine spezielle Quote war dafür bei den Instrumentalist*innen nicht notwendig, denn die Geschlechterparität hat sich über die Jahre ganz natürlich ergeben, wie ein Blick auf die Statistik (Stand 2019) zeigt. Insgesamt waren in diesem Jahr 74 Frauen und 76 Männer im Konzert-Einsatz.

FRAUENHARFE – MÄNNERBLECH?

Wobei – wie spannend! – die einzelnen Instrumentengruppen immer noch deutliche Unterschiede aufweisen. So gab es bei den Streicher*innen mit 52 Frauen und 37 Männern eine deutliche weibliche Mehrheit, und die Harfen waren ganz in Frauenhand, während umgekehrt die Blechbläser (insgesamt 19) ausschließlich Männer waren. Ebenfalls männlich dominiert war das Schlagwerk (zwei Frauen/fünf Männer). Ausgeglichen war das Verhältnis bei den Holzbläser*innen, mit 15 Frauen und 13 Männern.

Mit den auffallenden instrumentenspezifischen Unterschieden liegt recreation allerdings voll im Trend. In diesem Artikel des MDR Klassik Radios spuckt die gesamtdeutsche Orchesterstatistik bei Posaune und Tuba einen Frauenanteil von ganzen zwei Prozent aus, dagegen bei den Harfen 97 Prozent. Warum das so ist, werden wir heute nicht mehr klären.
Aber vielleicht schon bald an dieser Stelle …

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