Geschenke der Nacht

Die styriarte 2020 zieht Bilanz

Am Anfang war da ein tolles Projekt mit zwei szenischen Produktionen, mit Orchesterkonzerten, mit Landpartien, mit Picknick-Konzerten: die styriarte 2020, für die bis Mitte März 2020 schon 16.000 Karten im Wert von EUR 800.000 verkauft waren. Plötzlich, ab dem 15. März 2020, war alles anders. Das Land zugesperrt, Lockdown, Maskenpflicht, und dann Anfang April die Perspektive, dass es noch lange, zumindest bis 1. Juli, überhaupt keine Veranstaltungen in Österreich geben würde. Was lag da also näher als einfach neu anzufangen, den Festspielstart mit jenem 1. Juli anzunehmen und Fantasien über die möglichen Rahmenbedingungen eines Festivals in Corona-Zeiten zu entwickeln?

Das haben wir gemacht, und bis Ende Mai war eine neue styriarte 2020 ersonnen, unter weitgehender Einbindung unserer Partner*innen von vorher, unter Akzeptanz der geradezu irrwitzigen Rahmenbedingungen: Konzerte mit Abstand und mit maximal 250 Besucher*innen in Sälen für 1000 Leute. Alle verkauften Eintrittskarten rückabwickeln, alles ein zweites Mal verkaufen, und das alles ohne geeignete EDV für die Herausforderungen dieser Krise. Da haben wir schon gemerkt: Diese Aufgabe lässt große Ergebnisse erwarten. Alle würden über sich hinauswachsen, unsere Mitarbeiter*innen würden das letzte geben, um das Unmögliche möglich zu machen. Die Künstler*innen würden so begierig sein wie nie, wieder mit echten Menschen im Publikum zusammenzukommen, und das Publikum würde ein Übermaß an Glück finden, weil das Wiedererklingen ihrer Musik live von Mensch zu Mensch ihm über Monate abgegangen ist.

Das war unser Traum im April. Und das war auch, was jetzt stattgefunden hat, vom 1. bis zum 26. Juli. Da kamen noch weitere Glücksmomente dazu: Weil die styriarte am ersten möglichen Tag aufgesperrt hat, war sie der Eisbrecher in der österreichischen Festspielszene, und der Bundepräsident hat es sich nicht nehmen lassen, das Ablegen dieses Eisbrechers persönlich zu überwachen und erstmals in ihrer Geschichte die styriarte zu eröffnen. Eine eigene Kurzoper haben wir dafür in Auftrag gegeben, entstanden in fünf Tagen, Bezug nehmend auf den neuen Hero des Festivals, auf Johann Joseph Fux.

Und dann, in den folgenden Wochen haben wir uns und unsere Künstler keinen Moment geschont. Drei Konzerte zu einer Stunde an einem Abend für je 250 Besucher*innen, das wurde das Maß unserer Dinge. Nach der ersten Schrecksekunde haben sich unsere Künstler*innen auf diese Abenteuer eingelassen, und sie haben die Qualitäten dieser Präsentationsform entdeckt. Am Ende hätten die meisten noch einen vierten Durchgang des Abends folgen lassen vor lauter Freude.

Für das Publikum war die erste Überzeugungstat die Herstellung der Sicherheit. Einbahnsystem, berührungsfreie Wege bis zum Sitzplatz, Abstände, und am Ende maskenfreier Genuss der Musik. Das war das Prinzip, und die unglaublich vielen und berührenden Rückmeldungen unserer Zuhörer*innen beziehen sich oft genau darauf: Sie haben sich bei uns sicher gefühlt, und die Nahrung für ihre Seele, die es hier wieder zu finden gab, haben sie nicht mit Angst um ihre Gesundheit bezahlt. Corona-Festspiele, das war also auch die große Stunde unserer Service-Legionen, die von Katharina Schellnegger seit Jahren aufgebaut und geschult werden.

Und für alle, die sich noch nicht zurück in Menschenmengen getraut haben, hat die styriarte einige ihrer wesentlichen Vorstellungen in Bild und Ton aufgezeichnet und als Stream zur Verfügung gestellt. 12 Projekte waren das, die noch lange durchs Netz geistern werden und die Geschichte erzählen von einem styriarte-Festival, wie wir es nur einmal im Leben spielen werden und wollen.

Nicht weniges, was wir hier der Not gehorchend gelernt haben, werden wir in der Zukunft in den Regelbetrieb überführen. Nicht dass wir die Krise gebraucht hätten, aber wir haben ihr, da sie uns schon so massiv auf die Nerven gegangen ist, so viel abgewonnen, wie nur möglich war.


Die styriarte 2020 in Zahlen

77 in der Regel einstündige Veranstaltungen hielt die styriarte 2020 in ihrer RELOADED-Version bereit. 23 einzelne Projekte waren das schlussendlich, im Zeitraum von 1. bis zum 26. Juli, und dazu die Eröffnungsveranstaltung samt rekordverdächtiger Kurz-Oper. Gespielt wurde jeweils vor den seit 1. Juli erlaubten maximal 250 Besucher*innen. 20.250 Karten hatte die styriarte 2020 im Angebot (mehr als 30.000 wären es in einem normalen Jahr), und in diesem neuen Setting hat die styriarte fast 17.000 Besucher*innen erreicht, also eine Auslastung von rund 85%.

Die styriarte 2020 lief in einem Budgetrahmen von rund 2 Mio. EUR, wovon etwas weniger als die Hälfte durch Karten- und Sponsorerträge vom Festival selbst erwirtschaftet wurden. Der Brutto-Kartenertrag belief sich auf mehr als EUR 700.000.

Als Hauptsponsor ist im Besonderen der Raiffeisen-Landesbank Steiermark zu danken, als Presenting Sponsor der GRAWE, als Subventionsgeber dem Land Steiermark, der Stadt Graz und dem Bundeskanzleramt, Sektion Kunst, die alle gemeinsam auch in diesen für alle schwierigen Zeiten ihre Unterstützung außer Zweifel gestellt haben.

Die styriarte hat 2020 ihre Serviceanstrengungen weiter intensiviert und zu den bereits vorhandenen Angeboten (Service-Letter, Newsletter, Social-Media-Portale …) heuer für zahlreiche Konzerte Einführungsvideos produziert (styriarte.INTRO genannt). Die Programmhefte wurden heuer gratis ausgegeben, und zum Empfang erhielt jeder Gast ein Getränk (dank großer Unterstützung der AVL). Und die styriarte betreibt nun auch einen BLOG, auf dem Nachlesen für eine Vielzahl von Veranstaltungen sowie spezifische Artikel, das Festival und die Kunst betreffend, veröffentlicht wurden und werden.

14 Veranstaltungen des Programms 2020 wurden vom ORF Hörfunk aufgezeichnet und ausgestrahlt und auch über die EBU in die ganze Welt geschickt (vorerst sind es EBU Radio-Stationen in den Niederlanden, Island, Serbien, Italien, Korea und Deutschland, die die Konzerte übernehmen). Zwölf Konzerte wurden für unseren STREAM aufgezeichnet und sind auf der styriarte-Homepage zum Nachsehen bereitgestellt. Auch mit dem Portal myfidelio wurde eine Kooperation eingegangen, das diese 12 Streams übernimmt und auf seiner Plattform zur Verfügung stellt. Bei der Eröffnungsfeier am 1. Juli hat sich auch das ORF Fernsehen angeschlossen und strahlte diesen Abend auf ORF III und auf myfidelio aus.

2021 findet die styriarte voraussichtlich von 25. Juni bis 25. Juli statt. Sie wird ein Programm rund um die Fux-Oper „Psiche“ von 1720/22 präsentieren und ihr Festival daraus abgeleitet unter das Motto „Lust“ stellen.

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