Zum Titelbild der styriarte 2019

Seit der Veröffentlichung unseres neuen styriarte Programms „Verwandelt“ erreichen uns Zusendungen über unser Titelsujet, die Daphne aus Ovids Metamorphosen. Viele sind begeistert, einige sehr kritisch und wieder andere fragend. Es ist eine lebhafte Diskussion entstanden, die uns an die Gespräche erinnert, die wir selbst im Hause styriarte zu unserem Thema und unserem Titelbild geführt haben. Diese Überlegungen möchten wir gerne hier mit Ihnen teilen, damit Sie sich ein Urteil darüber bilden können, was sich hinter dem Motiv verbirgt, wie es zustande kam und was es unserer Meinung nach aussagt.

 

  1. Daphne

    Auf unserem Titelbild sehen Sie eine goldene, unbekleidete Frau in einem dichten grünen Blätterwald, die offensichtlich beginnt, sich in eine Pflanze zu verwandeln; ihr linker Unterarm und ihre Hand sind schon in einen vegetabilen Zustand übergegangen. Es handelt sich hier unverkennbar um Daphne, eine Figur aus den berühmten Metamorphosen (den „Verwandlungen“) des antiken römischen Dichters Ovid, die das Hauptthema unseres kommenden Festivals sind. Wir erzählen im Programm der kommenden styriarte viele der Geschichten Ovids nach, weil sie über Jahrhunderte immer wieder Musik inspirierten. Das Hauptstück unseres Festivals, die große Opernproduktion, ist heuer die Oper „Dafne in Lauro“ des Barockkomponisten Johann Joseph Fux. Und diese erzählt eben von jener Daphne, die deshalb auch das Sujet unseres Festivals 2019 ist.

    Daphnes Geschichte ist tragisch und durchaus in einem Missbrauchskontext zu lesen: Sie ist eine Nymphe, die vom Gott Apoll begehrt wird. Sie erwidert die Zuneigung nicht, sondern hasst den Mann inbrünstig, wenn auch unfreiwillig (sie wurde von einem Pfeil Amors vergiftet, ebenso wie der Gott). Um seinen körperlichen Nachstellungen zu entgehen, verwandelt sie sich in höchster Not in einen Lorbeerbaum. Diese Szene ist das Kernstück der Oper, und eben auch der Moment, der im Fotokunstwerk von Birgit Mörtl eingefangen ist, das unser Titelbild geworden ist.

    Wir haben von Beginn der Vorbereitungen für das Festival an die sehr aktuellen Implikationen des Stoffes diskutiert. Wir glauben daran, dass Kunst der Vergangenheit einen Beitrag zu Diskussionen der Gegenwart leisten kann, und dass uns der Blick von Ovid/Fux, sowie deren Traditionen helfen können, unsere Gegenwart neu und kritisch zu lesen.

  1. Die Künstlerin

    Das Titelbild der kommenden styriarte ist ein Fotokunstwerk einer der interessantesten jungen österreichischen Künstlerinnen, der mehrfachen Weltmeisterin im Bodypainting Birgit Mörtl. Birgit Mörtl ist vor allem durch ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Life-Ball Vienna bekannt geworden. Ihre Hauptthemen sind Gender-Diversität und weibliche Sexualität. Lust, vor allem auch weibliche Lust, Homosexualität und Geschlechterrollen thematisiert sie immer wieder in ihren Arbeiten.

    Tatsächlich ist das Foto nicht nur originäre Phantasie, Birgit Mörtl bezieht sich in ihrer Darstellung auf ein barockes Vorbild, die berühmte Darstellung von Apoll und Daphne aus der Ovid-Galerie von Schloss Sanssouci. Dort sind die Hauptfiguren der Metamorphosen ganz in Gold nachgebildet. Im Unterschied zu den Stuckreliefs von Johann Christian Hoppenhaupt (1719-1778/86) verzichtet Birgit Mörtl jedoch auf die Zur-Schau-Stellung der Brüste der Daphne.

    Das Gold der Figuren bezieht sich auf das „Goldene Zeitalter“, das nach Ovid den ursprünglich paradiesischen Zustand der Welt verkörpert. Diesen Bezug meint auch Birgit Mörtl, indem sie ihr Model golden bemalt (dass man dadurch ersticken könnte, ist ein Urban-Legend-Märchen, das sich durch einen James-Bond-Film im kollektiven Bewusstsein hält). Birgit Mörtl stellt ihr Kunstwerk sozusagen in einen historisierenden Kontext, indem sie die Zeit der Entstehung der Oper, die in der styriarte aufgeführt wird, mit einem aktuellen Blick verbindet und dabei fragt, wie das mit dem Blick auf Körper und dem Begehren ist: was für Schrecken daraus entstehen können – und welche Möglichkeiten.

  1. Einige grundsätzliche Überlegungen

    Es steht außer Zweifel, dass es viel sexistische und diskriminierende Werbung gibt. Wenn halbnackte Frauen sich auf Autos räkeln oder herabsetzende Sprüche Menschen verächtlich machen, dann ist das kritisch zu sehen. Und wir sind froh darüber, dass heute ein gesellschaftliches Klima herrscht, in dem das nicht unwidersprochen geschieht. Unser Sujet in einen solchen Zusammenhang einzuordnen, ist jedoch verfehlt. Tatsächlich werben wir mit unserem Sujet. Aber wir werben für die Aufführung eines Kunstwerkes, das eben jene dargestellte Szene als Kernstück hat. Und wir wollen genau damit eine vertiefte Diskussion über den Blick und das Begehren anstoßen. Die dargestellte Frau ist nicht glücklich. Sie ist ein Objekt männlicher Gewalt. Sie hat als solche in tausenden von Jahren männlich dominierter Kunstgeschichte gewiss auch als ein Objekt der Lust herhalten müssen. Und auch Apoll ist gebrochen. Die Unmöglichkeit des Begehrens im Zusammenhang asymmetrischer Beziehung ist eigentlich das Thema des Mythos. Und genau um diese Ambivalenzen geht es in unserem Festival, im Stück „Dafne in Lauro“ und im Foto. Insofern ist das Sujet selbst eine Falle und eine Verführung, die jene Diskussionen auslösen soll, die sie auslöst. Und weil in den Veranstaltungen, die das Sujet bewirbt, genau das immer wieder thematisiert wird, führt das Motiv auch nicht marketingmäßig in die Irre. Wir bewerben – unter anderem – den Zutritt zu jenem Diskurs, der im Sujet explizit wird.

    Die Künstlerin Birgit Mörtl – und ganz definitiv auch wir – sind dabei der Ansicht, dass im Zuge der wertvollen Feminismus- und Genderdebatten zunehmend die reale Gefahr einer neuen Körperfeindlichkeit in den Diskurs schleicht, die zu hinterfragen ist. Kritische aber auch lustvolle Darstellungen menschlicher Körper und das Sexualisieren von Kontexten scheint manchmal einem Generalverdacht zu unterliegen, bei dem es nicht mehr um die Anliegen gesellschaftlicher Befreiung geht als vielmehr um das Konstruieren neuer Tabus. Und dass das Tabuisieren von Sexualität weder aufklärerische Entwicklungen noch Selbstbestimmtheit und Mut zum Begehren befördert, sondern seinerseits diskriminiert, gerät dabei zu schnell in Vergessenheit. So wie die berüchtigten „Höschenmaler“ im Vatikan Michelangelos nackten Gestalten schamhaft die Genitale verschleierten oder im viktorianischen England der Körper an sich zur Terra incognita degeneriert wurde, sollten wir heute nicht agieren. Wir müssen heute darauf achten, was im Namen der „Moral“ unter Zensur geraten könnte und welche Konsequenzen das hat. Wir werden übrigens die Frage nach Körperlichkeit und Sinnlichkeit mit Birgit Mörtl auch noch weiter im Festival 2019 thematisieren, wenn sie in der „Golden Age Show“ die Körper des Ensembles Fetish Baroque zum Auftritt bemalen wird.

Sexualität und Begehren sind grenzüberschreitend, abgründig, ambivalent. Ware, Fetisch und Gewalt sind untrennbar damit verbunden – zumindest in einer männlichen Perspektive, also der, aus der ich dies alles schreibe. Kunst, die das nicht zum Thema macht, beschneidet sich selbst. Wir möchten Sie gerne einladen, an diesem Diskurs teilzunehmen. Verwandeln wir gemeinsam unsere Gesellschaft.

Thomas Höft

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