Jenseits vom Zaun
Sie reitet am Zaun, die Hagazussa, die Hexe. Sie lässt dabei einen Fuß in die reale Welt hängen, den anderen ins Jenseits, und so kann sie zwischen diesen Sphären vermitteln. Bevor das Christentum die kulturelle Hegemonie in Europa erreichte, lebten viele Völker des alten Kontinents mit solchen naturmagischen Vorstellungen, die man heute Schamanismus nennt. Eine beseelte Natur, die auf magische Weise in das Leben der Menschen hineinwirkt und in der das Göttliche zu Hause ist, gehörte dabei ebenso zu den spirituellen Grundlagen wie Seelenwanderung und der Kreislauf zwischen Geburt und Sterben alles Lebendigen: Vorstellungen, die wohl aus den Urzeiten menschlicher Zivilisation stammen.
Um Erfolg zu haben, musste das Christentum versuchen, solche Formen der Spiritualität zu überlagern und in die eigenen rituellen Kultausübungen zu integrieren. Wo das nicht gelang, wurden die ursprünglichen naturmagischen Ideen als Aberglaube diskreditiert und verfolgt. Dabei bildeten sich die Zerrbilder von „Hexen“ oder „Zauberern“ heraus, mit denen alles dämonisiert werden konnte, das nicht dem kirchlich kontrollierten Wunderglauben zuzuordnen war.
Will man etwas von den ursprünglichen religiösen Vorstellungen und Riten Europas erfahren, lohnt es sich, hinter solche christlichen Zerrbilder zu schauen und deren Wurzeln zu erkunden. Gerade das in naturmagisch geprägten Kulturen so wichtige Ereignis des Frühlingsbeginns scheint in vielen Aspekten und Ritualen der christlichen Osterbräuche noch hindurch.
Aber noch wesentlich offener wird der Blick an den Rändern Europas. Wo der Anpassungsdruck an christliche Glaubensvorstellungen erst spät und nicht so stark zu spüren war, wo andere, ganz fremde Kulturkreise ihre eigenen Spuren hinterlassen haben, haben sich schamanische, naturreligiöse Vorstellungen bis heute gehalten. Dort macht sich die neue Edition des Festivals PSALM auf Spurensuche.
Wo gibt es noch ursprüngliche spirituelle Rituale und Kulte, Mythen und Musik zu jenem Zeitraum, der später vom christlichen Osterfest eingenommen wurde? Dabei stoßen wir an die äußersten Grenzen unseres Kontinents. Im äußersten Norden Skandinaviens, weit im Osten, in Kasachstan, wo Europa und Asien in weiten Steppen ineinanderlaufen, tief im Süden, wo Sizilien schon spürbare Nähe zu Afrika hat und ganz im Westen, wo Irland auf das weite Meer trifft, lassen sich lebendige Traditionen naturmagischer Vorstellungen finden, in denen die Musik eine ganz besondere Rolle spielt.
Kleine PSALM-Bilanz
Das Osterfestival PSALM 2012 in Graz konnte beim Publikum wieder besonders punkten. 3.679 Besucher, exakt gleich viele wie beim geradezu gestürmten Festival 2011, folgten den Künstlern bei ihren Reisen nach „Jenseits vom Zaun“, in die schamanische Vergangenheit und Gegenwart Europas. Pro Aufführung zwischen 1. und 8. April fanden also im Durchschnitt wieder mehr als 600 Besucher den Weg in die in ein Birkenwäldchen verwandelte Bühne der Grazer Helmut-List-Halle.
Das PSALM 2012 Coverbild: Der Kultwagen von Strettweg
