Oxana Zaytseva Roter Granatapfel © Oxana Zaytseva
Roter Granatapfel
Psalm 2017 - Fruchtbar
9. bis 17. April
Die Quelle des menschlichen Lebens ist weiblich. Sicher, die Herren der Schöpfung haben über tausende Jahre ein ganzes philosophisches und theologisches Arsenal an Argumenten aufgebaut, um diese simple Tatsache zu verschleiern oder ihre eigene Bedeutung darin zu erhöhen. Aber es bleibt dabei, es sind die Frauen, die gebären. Und ihre Fruchtbarkeit entscheidet über den Fortbestand der Menschheit. Kein Wunder also, dass die weibliche Fruchtbarkeit in der Mitte der Ursprungsmythen aller Kulturen steht.

Um den weiblichen Zyklus, das Geheimnis der Empfängnis und die Rätsel der Schwangerschaft rankten sich in den frühen, vorwissenschaftlichen Gesellschaften zahllose Vermutungen. Ein magisches, spirituelles Weltverständnis bildete Analogien zwischen der Natur im Allgemeinen und der Weiblichkeit im Besonderen. Und gerade im Frühling wurde die Beziehung zwischen dem Wiedererwachen der Natur und der Weiblichkeit in zahllosen Ritualen gefeiert. Die großen monotheistischen Religionen übernahmen viel von dieser ursprünglichen Weltsicht und überformten sie mit männlich-patriarchaler Theologie.

Die neue Edition des Festivals PSALM spürt quer durch Zeit und Raum den Momenten nach, in denen weibliche Fruchtbarkeit gefeiert und ritualisiert wurde. Dabei spannt das Programm einen Bogen von der antiken Liebesgöttin Venus bis zur jungfräulichen Empfängnis Marias, von den Fruchtbarkeitsmythen Südafrikas und von klassischem indischen Tempeltanz bis zur Feier der Geburt eines Thronfolgers für das Haus Habsburg.

Programmfolder

Psalm 2016 zum thema Gastfreundschaft © Werner Kmetitsch
PSALM 2016
Psalm 2016 - Gastfreundschaft
20. bis 28. März
Nehmen wir an, ein Wildfremder klopft an unsere Haustür und begehrt ein Dach über dem Kopf, Schutz vor den Mördern, die ihn verfolgen, und ein Abendessen. Was tun wir? Würden wir in der Antike oder dem alten Orient leben, wäre die Sache klar. Kommt ein Fremder zu einem ins Haus, dann gilt die heilige Pflicht, diesen Gast willkommen zu heißen, ihn zu bewirten und ihn zu beschützen. Diese Verpflichtung war ein Kernbereich der Religion, göttliches Gebot, nicht etwa dem Belieben des Einzelnen unterstellt. Und sie findet sich in vielem, auf dem unsere Kultur bis heute basiert.

Als Jesus mit seinen Jüngern das Brot zum Sedermahl teilte, geschahen viele Dinge, die dem christlichen Glauben ein symbolisches Fundament verliehen, von der Einsetzung des „heiligen Abendmahls“ bis hin zur Geschichte um den Verrat seines Jüngers Judas. All das überdeckt oft den alltäglichen Aspekt des Mahles, der dennoch von zentraler Bedeutung ist: das gemeinsame Essen und das Teilen von allem, was vorhanden ist. Es ist die Gastfreundschaft, die dem Seder- wie dem Abendmahl ihr Wesen verleiht. Eine Gastfreundschaft, die nicht nur der jüdischen Kultur damals heilig war. Was aber heißt das? Zumal in Zeiten wie den unseren, in denen kaum etwas so kontrovers diskutiert wird wie die Art und Weise, in der wir mit Menschen, die als Wildfremde zu uns kommen wollen, umgehen …

Nicht von ungefähr nimmt sich die neue Ausgabe des Osterfestivals PSALM also vor, die Gastfreundschaft zu beleuchten, ob in der philosophischen Antike wie in Platons Symposion, in christlichen Urtexten oder in der jüdischen Überlieferung wie dem Purim-Fest, das heuer kalendarisch in die Zeit unseres Osterkreises fällt. Vor allem aber befragen wir die unterschiedlichen Ostertraditionen von näheren und ferneren Ländern danach, welche Formen der Gastfreundschaft sie enthalten, und so reisen wir nach Skandinavien und nach Sardinien. Und wir bleiben zuhaus, im Übelbachtal.

Natürlich werden die Geschichten aus vergangenen Zeiten, aus nahen und fernen Ländern, vor allem aus Musik bestehen, aber unserem Thema folgend, haben wir wieder einmal unsere Konzertformate neu erfunden. Es bleibt dabei nicht bei den wie gewohnt erlesenen Programmen mit fantastischen Musikern und großartigen Schauspielern, sondern wir sprechen danach eine ganz konkrete Einladung aus: Bleiben Sie nach den Programmen auf ein besonderes Getränk und eine zum Programm passende Spezialität zum Essen unsere Gäste und kommen Sie mit uns und miteinander ins Gespräch. Denn nur wenn man Worte, Ideen und Güter miteinander teilt, kann man sich wirklich näherkommen und kennenlernen …

Programmfolder

PSALM Almanach

PSALM 2015 © PSALM 2015
Psalm 2015 - „Licht aus dem Osten“
29. März bis 6. April
Dass der Osten uns nicht nur den Sonnenaufgang schenkt, sondern überhaupt auch das Licht der Weisheit, das war in Europa einmal feste Überzeugung. In der aktuellen Gegenwart, in der der Osten Schreckensnachrichten aus einem neuen Kalifat bereithält, das blutige Spuren bis in die Mitte Europas zieht, während vom „Arabischen Frühling“ nur mehr traurige Hoffnungen übrig geblieben sind, wirkt das Bild eines aufgeklärten Orients geradezu absurd. Und doch richteten vor gar nicht langer Zeit wichtige Denker ihren Blick hoffnungsvoll über den Bosporus hinaus und glaubten fest, dort Antworten auf ihre Fragen zu finden. Unter ihnen der Grazer Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall und der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe. Es lohnt sich, für einen Moment deren Blick nachzuvollziehen, gerade weil er so unzeitgemäß scheint. Und das tut die neue Auflage des Festivals PSALM zu Ostern 2015.
Im Europa vor gut 200 Jahren gab es genügend Gründe, an der Zukunft der eigenen Gesellschaft zu verzweifeln. Die Französische Revolution war in eine Gewaltorgie umgeschlagen, hatte eine Diktatur hervorgebracht, und die alten Mächte in Europa schienen frischer denn je aus der Krise hervorzugehen. Überwachung und Zensur allerorten, die gesellschaftlichen Normen waren rigide und erstickend. Wie anders musste da die orientalische Weisheit früherer Jahrhunderte erscheinen. Hier galten Werte wie Toleranz und das Miteinander unterschiedlichster Lebensweisen und Religionen. Fasziniert schauten die enttäuschten Aufklärer nach Osten und entdeckten dabei die orientalische Literatur. In deren Mitte stand Joseph von Hammer-Purgstall, der persische, arabische und türkische Texte übersetzte und dabei seinen Lesern einen sinnlichen Kosmos eröffnete. Dass Dichter wie Hafis dabei den Alkoholgenuss ebenso feiern wie die freie Liebe, war für die Traditionalisten des alten Europa ebenso schockierend wie heute für die muslimischen Fundamentalisten. PSALM 2015 spürt diesen Entdeckungen ebenso nach wie den Vorstellungen von persischer Großzügigkeit und Freizügigkeit, die schon hundert Jahre vor Hammer-Purgstall die frühen französischen Aufklärer begeistert hatten.
Wenn man sich einmal auf die Perspektive des aufgeklärten Orients eingelassen hat, wird umso erschreckender klar, welche Kräfte diese Entwicklung zur Freiheit schließlich zum Erliegen brachten: Es waren zunächst keineswegs die religiösen Fanatismen, die Schrecken und Gewalt heraufbeschworen, es war der Nationalismus, der im Osten wie im Westen eine Spirale der Gewalt in Gang setzte. So nimmt es nicht Wunder, dass eine der schlimmsten Gräueltaten des 20. Jahrhunderts, der Genozid an den Armeniern, von türkischen Nationalisten begangen wurde, unter auffälligem Wegschauen ihrer deutschen Verbündeten. Genau einhundert Jahre ist das nun her, und es ist Grund genug für PSALM 2015, dem Geschehen ein besonderes Augenmerk zu widmen und von Komitas, dem Urvater der heutigen armenischen Musik bis hin zu Tigran Mansurian und dessen „Armenischem Requiem“ einen Bogen zu ziehen.
Für gläubige Juden indes sind der Blick nach Osten und die Beschwörung von dessen Licht noch von einer ganz anderen Dimension. Schließlich ist Jerusalem, von wo auch immer aus betrachtet, jener metaphysische Sehnsuchtsort, auf den ohnehin alle Wege zuführen, ausgesprochen in dem Wunsch „Nächstes Jahr in Jerusalem“, der traditionell das Sedermahl an Pessach beendet.

Programm

Almanach

Giuseppe Arcimboldo, Rudolf II
Psalm 2014 - „Viel Frucht“
12. bis 21. April
Was ist eigentlich Kultur? Im ursprünglichen Sinne meint das Wort nichts anderes als: Ackerbau. Und es ist eigentlich kein Wunder, dass der lateinische Begriff aus der Landwirtschaft inzwischen für alle menschlichen Gestaltungskräfte steht. Denn der Anbau und die Zucht von Pflanzen ist eine der frühesten menschlichen Großtaten und steht am Beginn der Entwicklung unserer Hochkulturen. Kaum etwas scheint von dieser engen Durchdringung von Landbau und Kultur heute noch bewusst, doch schaut man nur ein wenig genauer hin, entdeckt man die Früchte des Bodens als Keimzelle von vielen großen Kunstwerken.

Die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Landwirtschaft, zwischen Fruchtbarkeit und Kunst, stehen heuer im Zentrum des Festivals PSALM. Und das auch aus ganz aktuellem Anlass: Seit einiger Zeit wird in der Europäischen Union um die Fragen des Reichtums an biologischen Arten im Anbau gerungen. Die Artenvielfalt, die aus einem jahrhundertelangen kulturellen Prozess der Züchtung und Veränderung hervorgegangen ist, wird heute durch die Versuche von Normierung und Patentierung bedroht. Auch vor diesem Hintergrund lohnt es sich, einmal mit dem Kunstblick in unsere Obst- und Gemüsegärten zu schauen. Und siehe da: Viele Früchte, die wir heute als heimische Naturprodukte begreifen, sind in Wirklichkeit Folgen menschlicher Kultur- und Reisetätigkeit. Ob Kürbis oder Kartoffel, ob Tomate oder Apfel – alle haben einen beträchtlichen Migrationshintergrund, sind heimisch gewordene Gäste aus den entlegensten Orten des Planeten.

Der Apfel ist ein Türke, die Kartoffel ein Indianer und Kürbis und Tomate sowieso auch. So selbstverständlich sind uns heute diese Gäste, dass wir uns ein Leben ohne sie kaum vorstellen können. Und deshalb ranken sich auch viele Lieder und Geschichten um diese wundervollen Pflanzen. In Anatolien wurde der Apfel schon vor tausenden von Jahren besungen, die Kartoffel war für Schotten und Iren Segen und Fluch zugleich, wovon ihre Lieder erzählen, und der Kürbis wurde in der Steiermark so sehr ins Herz geschlossen, dass man ihn adoptierte und sein Öl zu einem Teil der steirischen Identität wurde. Und selbst an der Wurzel des Osterfestes, im jüdischen Pessach, geht es ganz agrarisch zu, wenn Moses ins „Gelobte Land“ aufbricht, in dem Milch und Honig fließen. Zeit also, die vielen Früchte der Erde musikalisch in den Blick zu nehmen, denn sie schmecken nicht nur, sie klingen und erzählen vom Wesentlichen im Menschsein.
PSALM 13-Sujet
Psalm 2013 - „Sehnsucht Afrika“
24. März bis 1. April
Es ist eine sonnige Geschichte und eine tragische, die Afrika und Europa miteinander verbindet. Afrika, die Wiege der Menschheit, ist im Laufe der Jahrtausende vom Zentrum an die Peripherie gerückt. Vom mächtigen Akteur der Weltgeschichte, wo Pharaonen die Kultur ganzer Generationen prägten, zum Spielball der Interessen, zum ausgebeuteten Rohstofflager und Armenhaus der Welt führte der Weg. Und das aus dem Süden zum kulturellen Höhenflug angestiftete Europa schwang sich seinerseits zum brutalen Hegemon auf, bevor in den vergangenen Jahrzehnten auch die Kolonialherrschaft zerbrach und andere Kräfte, befreiende wie bedrohliche, im Streit um die Schätze und die Menschen Afrikas antraten und – ganz aktuell – stehen.

All den tatsächlichen Umwälzungen und den gelebten Realitäten gegenüber steht unser Blick auf Afrika, der ebenso zweipolig ist wie die Historie. Dieser Blick schwankt zwischen Faszination und Schauer. Afrika – das ist für viele Europäer die andere Seite der eigenen technisierten Welt, das ist ein unheimlicher, bedrohlicher Platz voll unergründlicher Natur, das ist Projektionsfläche für exotische Fantasien und ein Sehnsuchtsort für alle, denen der kalte Norden seelisch wie körperlich zu unwirtlich, zu festgefügt, zu zementiert erscheint. Gerade Künstler, auch Komponisten, wurden von der afrikanischen Lebensvielfalt immer wieder angezogen. Und brachten von dort eine ursprüngliche Erlebnis- und Formenwelt in die abendländische Kunst ein, die sich ohne diese vitalen Schübe wohl anders entwickelt hätte.

Die neue Ausgabe des Festivals PSALM macht sich auf Spurensuche auf dem Feld der wechselseitigen Durchdringung von Afrika und Europa. PSALM spürt dem Sehnsuchts-Kontinent in der Musik nach, wenn es Camille Saint-Saëns und seinen Freunden unter das flirrende Licht Nordafrikas folgt, wo noch vor hundert Jahren eine erotische, sinnliche Liberalität herrschte, die man heute dort vergebens und unter Lebensgefahr suchen müsste. Es zeichnet Händels barocke Phantasien über die letzte Pharaonin, Cleopatra, und ihren unermesslichen Reichtum wie Liebreiz nach. Es setzt von Nordafrika zum Sprung über das Mittelmeer nach Spanien an, das ist eben jener Weg, den die arabischen Eroberer nahmen, die im Mittelalter ein muslimisches Weltreich errichteten. Die authentischen Stimmen Afrikas repräsentieren Mamadou Diabate mit seinen so sinnlichen wie komplexen afrikanischen Rhythmen ebenso wie die Sängerinnen und Sänger der äthiopisch-koptischen Kirche, in deren spirituellen Übungen sich Spuren ältester antiker Musik erhalten haben. Der Evangelist Markus steht als „Missionar Afrikas“ am Beginn der Geschichte der Christianisierung des Kontinents – Rudolf Leopold rekonstruiert für PSALM die verlorene Markus-Passion von Johann Sebastian Bach. Und das Studio Percussion Graz bietet mit Steve Reichs „Drumming“ die wichtigste zeitgenössische Adaption traditioneller afrikanischer Polyrhythmik. Dem Philosophen an der Gambe, Jordi Savall, bleibt es schließlich vorbehalten, den Blick noch einmal zu weiten: Wie verbindet der Mittelmeerraum eigentlich afrikanische, naturmagische, jüdische, christliche und muslimische Kunst, fragt er abschließend, und weist darauf hin, wie künstlich doch unsere Trennungen sind. Afrika wäre demnach nicht nur eine Sehnsucht, Afrika wäre mitten unter uns.
PSALM 12-Sujet
Psalm 2012 - „Jenseits vom Zaun“
1. bis 8. April
Sie reitet am Zaun, die Hagazussa, die Hexe. Sie lässt dabei einen Fuß in die reale Welt hängen, den anderen ins Jenseits, und so kann sie zwischen diesen Sphären vermitteln. Bevor das Christentum die kulturelle Hegemonie in Europa erreichte, lebten viele Völker des alten Kontinents mit solchen naturmagischen Vorstellungen, die man heute Schamanismus nennt. Eine beseelte Natur, die auf magische Weise in das Leben der Menschen hineinwirkt und in der das Göttliche zu Hause ist, gehörte dabei ebenso zu den spirituellen Grundlagen wie Seelenwanderung und der Kreislauf zwischen Geburt und Sterben alles Lebendigen: Vorstellungen, die wohl aus den Urzeiten menschlicher Zivilisation stammen.

Um Erfolg zu haben, musste das Christentum versuchen, solche Formen der Spiritualität zu überlagern und in die eigenen rituellen Kultausübungen zu integrieren. Wo das nicht gelang, wurden die ursprünglichen naturmagischen Ideen als Aberglaube diskreditiert und verfolgt. Dabei bildeten sich die Zerrbilder von „Hexen“ oder „Zauberern“ heraus, mit denen alles dämonisiert werden konnte, das nicht dem kirchlich kontrollierten Wunderglauben zuzuordnen war.

Will man etwas von den ursprünglichen religiösen Vorstellungen und Riten Europas erfahren, lohnt es sich, hinter solche christlichen Zerrbilder zu schauen und deren Wurzeln zu erkunden. Gerade das in naturmagisch geprägten Kulturen so wichtige Ereignis des Frühlingsbeginns scheint in vielen Aspekten und Ritualen der christlichen Osterbräuche noch hindurch.

Aber noch wesentlich offener wird der Blick an den Rändern Europas. Wo der Anpassungsdruck an christliche Glaubensvorstellungen erst spät und nicht so stark zu spüren war, wo andere, ganz fremde Kulturkreise ihre eigenen Spuren hinterlassen haben, haben sich schamanische, naturreligiöse Vorstellungen bis heute gehalten. Dort macht sich die neue Edition des Festivals PSALM auf Spurensuche.

Wo gibt es noch ursprüngliche spirituelle Rituale und Kulte, Mythen und Musik zu jenem Zeitraum, der später vom christlichen Osterfest eingenommen wurde? Dabei stoßen wir an die äußersten Grenzen unseres Kontinents. Im äußersten Norden Skandinaviens, weit im Osten, in Kasachstan, wo Europa und Asien in weiten Steppen ineinanderlaufen, tief im Süden, wo Sizilien schon spürbare Nähe zu Afrika hat und ganz im Westen, wo Irland auf das weite Meer trifft, lassen sich lebendige Traditionen naturmagischer Vorstellungen finden, in denen die Musik eine ganz besondere Rolle spielt.
psalm_2011 Titel
Psalm 2011 - „Canto a la vida“
17. bis 25. April
„Canto a la vida“ – „Ein Lied an das Leben“: Unter diesem Titel hat der Poet und Priester Ernesto Cardenal auf sein Wirken zurückgeblickt. Und damit nicht nur sich selbst ein Motto geschenkt, sondern der Geschichte Lateinamerikas ganz grundsätzlich. Dabei liegt ein Paradox in der Idee, gerade in Lateinamerika ein Lied vom Leben singen zu wollen: einer Region unserer Erde, die seit Jahrhunderten mehr Lieder von Tod, Leid und Elend anstimmen könnte als fast jede andere. Aber gerade darin liegt die Magie. Der Glaube, dass ein Leidensweg die tiefsten Tiefen durchschreiten muss, um wieder ans Licht zu tauchen. Diese Passionserfahrung, die im christlichen Osterfest mündet, hat Ernesto Cardenal in Lateinamerika neu definiert. In Texten, die er Psalmen nennt, die heute das sein wollen, was die Gesänge der Israeliten einst waren: Anleitung für ein neues, ein gutes, ein gerechtes Leben.

Lateinamerika: Das im Namen des Kreuzes eroberte und entvölkerte Land sah religiösen Eifer und entsetzliche Kriege ebenso wie Befreiung und Glück. Es war ebenso hoffnungsvoller Zufluchtsort für Verfolgte wie Zwangsheimat für Sklaven. Und aus der Vermischung von Völkern unterschiedlichster Herkunft entstand dort eine ganz eigene, neue Welt. Der Schmelztiegel von Wünschen und Erfahrungen wirkte und wirkt aber nicht nur vor Ort, er wirkt auch auf die Eroberer zurück. Verbunden durch eine gemeinsame Geschichte hat Lateinamerika über den Atlantik hinweg auch Europa verändert.

Indianische Kulturen identifizierten das Personal des Christentums mit ihren eigenen Mythen, und besonders für Maria fand sich eine Entsprechung im Volksglauben: Pachamama, die Verkörperung der Mutter Erde. Mit der massenhaften Zwangsverschiffung afrikanischer Sklaven nach Lateinamerika kamen dazu noch religiöse Vorstellungswelten Afrikas, die sich im Kontakt zum Christentum wandeln mussten: Voodoo und Candomblé sind Religionen, die mit christlichen Formeln ebenso arbeiten wie mit Fetischen und Magie. Im 20. Jahrhundert war es dann vor allem die Theologie der Befreiung, die Zeichen setzte. Selbstbewusst bezogen die Nachkommen von Spaniern, Indianern und Afrikanern theologisch Position in Fragen der sozialen Gerechtigkeit, über die bis heute leidenschaftlich gestritten wird. Gestritten und gesungen, denn die Musik trägt wie keine andere Kunst in Lateinamerika die Botschaften der Politik zu den Menschen.

Canto a la vida – Das Lied an das Leben – im Festival PSALM 2011 stimmen wir es als lateinamerikanisches Oster-Ereignis an. Wir begegnen den Revolutionären Mittel- und Südamerikas, die dem Volk mit ihrer frohen Botschaft die Gerechtigkeit im Diesseits predigen. Wir treffen einen europäischen Juden, für den Brasilien zum Sehnsuchtsraum wird. Wir hören die Musik, mit der die Indianer die Pachamama beschwören oder eben zur Ostermesse spielen. Wir treffen die musikalischen Magier des Candomblé bei einem Ritual und tanzen schließlich mit argentinischen Gauchos die Chacarera, die diesseits und jenseits des Atlantiks von der unvergleichlichen Lebensfreude Lateinamerikas erzählt.