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In Memoriam

Alice und Nikolaus Harnoncourt

Alice und Nikolaus Harnoncourt

Meine Erinnerung an Alice Harnoncourt (1930 – 2022)
Von Mathis Huber

Es waren nicht die günstigsten Sterne, die schienen, als Alice Harnoncourt und ich zu einer Interessensgemeinschaft zusammengebunden wurden. Es war im Herbst 1990. Nach sechs Ausgaben hatte das Festival Styriarte, gegründet 1985, um Nikolaus Harnoncourt wieder an seine Heimatstadt Graz zu binden, drei Führungsgarnituren verbraucht. Wieder einmal ging nichts mehr im Grazer Palais Attems, und der zuständige Kulturlandesrat zauberte einen Retter aus dem Hut, der noch nie etwas gerettet hatte, aber immerhin versprach, er würde das schon schaukeln, nämlich mich. Man konnte es Alice Harnoncourt da nicht verübeln, dass sie diese Entwicklung mit sehr sorgenvoller Miene verfolgte, war sie doch die Generalmanagerin des Imperiums Harnoncourt, die Frau, die die kühnsten Ideen ihres genialen Gefährten Nikolaus Harnoncourt einfach gesagt auf den Boden brachte. Sie war die Frau, die es ihm erlaubte, seine Ideenwelt nicht mit Erdenschwere zu belasten, und weil die Welt ja oft aus vielleicht liebenswürdigen, aber oft genug aus weniger kompetenten Zeitgenoss:innen besteht, hieß Generalmanagement für sie, dass sie alles selbst gemacht hat, vom gebügelten Frack bis zum Vertrag um internationale Verwertungsrechte. Und wenn dann ein neuer Partner daherkommt, der vielleicht nicht funktioniert, dann kann das in einem Tagesplan, der sowieso vom Morgengrauen bis nach Mitternacht durchgetaktet ist, Verheerung auslösen.

Wir haben unsere Zusammenarbeit dann konkret mit einer Produktion von Beethovens Neunter begonnen, im Juni 1991 im Grazer Stefaniensaal, mit einer Sensation, die auch die Aufnahmen aller Beethoven-Sinfonien mit dem Chamber Orchestra of Europe abgeschlossen hat. Das wurde einer der größten Erfolge von Nikolaus Harnoncourt am Tonträgermarkt (so etwas hat es damals noch gegeben). Fünf große Produktionen weiter, am Ende dieser Styriarte 1991 bekam ich einen Brief von Alice Harnoncourt, so eine Art Zeugnis, sehr streng, bestenfalls 2-3. So kurios das war: Von hier aus ging es schnell bergauf in unserer IG.

Wir fassten Jahr für Jahr mehr Vertrauen in unsere Zusammenarbeit, und wir haben rasch erkannt: Dieser Produktionsort Styriarte am Rande kulturtouristischer Ströme, nicht bevölkert von so vielen unerhört wichtigen Menschen, die bei der Arbeit stören, konnte ein Paradies sein für die Goldgräberarbeit von Nikolaus Harnoncourt. Hier konnte er nach dem goldenen Schlüssel zur deutschen Romantik suchen, was der Hauptinhalt unseres ersten gemeinsamen Jahrzehnts war. Und dass er hier und überhaupt so erfolgreich war, das lag zum einen Teil natürlich an seinem wirklich einzigartigen Forschergeist, zum anderen aber daran, dass Alice lang vor dem Frühstück und nach dem Abendessen alles im Detail vorbereitet hatte, was Nikolaus für eine konzentrierte Arbeit in immer größer werdenden Produktionen gebraucht hat. Jede Note in jeder Orchesterstimme war von ihr überprüft, jede Taktzahl in jedem Klavierauszug war richtiggestellt, alles was Arbeitszeit totschlägt und die Produktion lähmt, war ausgeschaltet. Ich vermute, ohne diese Einbettung seiner Arbeit in die idealen Verhältnisse, die sie ihm geschaffen hat, wäre seine künstlerische Lebensleistung nur halb so groß ausgefallen, und da rede ich noch gar nicht von der Zeit davor, als sie obendrein noch seine Konzertmeisterin und Solistin war. Und da rede ich auch nicht von den privaten Diskussionen um den richtigen Weg und den richtigen Ton, die ich natürlich nicht kenne, weil ich nicht dabei war: Aber nach allem, was ich sah, wird sie auch sein wichtigster Widerspruchsgeist gewesen sein, eine von ganz wenigen, die ihm auf seinem Niveau widersprechen konnten.

In unserem zweiten gemeinsamen Jahrzehnt, ab 2003, haben wir die Dosis gesteigert. Wir haben neben die großen Konzertproduktionen (derer wir sicher gut 100 auf die Beine gestellt haben im Lauf der Jahre) auch eine Reihe von Opernproduktionen gestellt – also noch viel mehr Arbeit für Alice Harnoncourt und für uns alle. Eigentlich war das gar nicht realistisch für so ein kleines Festival wie die Styriarte, Opern in Weltklasseformat zu produzieren, aber wir alle wollten es, weil „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten“ (klar, das ist O-Ton Nikolaus, und diese Art O-Töne haben Alice sicher gemacht, dass sie das Argumentieren in der Öffentlichkeit einfach ihm überlassen soll). Das Möglichmachen des Unmöglichen ging, weil das Vertrauen so groß geworden war. Alice und ich hatten schließlich aufgehört, Verträge vorab zu verhandeln, wir haben uns auf das Wesentliche konzentriert, und im schlimmsten Fall: Wenn schon gescheitert werden muss, was könnte es Schöneres geben, als an einem „Idomeneo“ zu scheitern.

2015 hat sich Nikolaus Harnoncourt von der Bühne verabschieden müssen, und damit hat auch Alice ihre Geige aus der Hand gelegt. 2016 ist er gestorben, und es hieß, ein Unersetzlicher sei gegangen. Diese Feststellung teile ich auch heute ohne Einschränkung. Aber wir spielten natürlich weiter, und es blieb sehr schön und aufregend. Alice hat den Weg der Styriarte auch nach dem Abschied von Nikolaus Harnoncourt neugierig verfolgt. Sicher ist ihr da vieles komisch vorgekommen, aber sie hat akzeptiert, dass die Fragen von 1985 nicht mehr viel mit den Fragen von 2022 zu tun haben, dass Festivals neue Wege gehen müssen, wie auch Familien heute anders funktionieren, wie auch der Glaube, der ihr sehr wichtig war, heute eine Randerscheinung des Lebens ist.

Jetzt, da uns Alice Harnoncourt im 92. Lebensjahr nach einer unglaublichen Lebensleistung verlassen hat, meine ich, dass auch sie eine Unersetzliche war. Ich habe diese Qualität professioneller Zusammenarbeit wie mit ihr kein zweites Mal erlebt und das wird es auch nicht mehr geben. Und jetzt stell ich mir einfach vor, dass es den Himmel gibt, an den sie geglaubt hat, und dass sie in diesem Himmel mit Nikolaus weiter diskutieren kann, und dass sie jetzt auch die vielen offenen Fragen, die sie dem grenzenlosen Bach und dem unerklärlichen Mozart und dem Meister aller Meister, Josquin Desprez, noch stellen wollten, direkt an den Quellen klären können.

Also auch im Himmel wartet schon wieder viel Arbeit auf Alice!

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