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Es war mir ein Volksfest

Neue Wege für die Klassik

Von Franziska Pronneg  | Neue Wege für die Klassik

Am 15. November 2021 hatte ich die Ehre, mich im Stefaniensaal des Grazer Congress von Saint-Säens Cellokonzert und Mendelssohns Sinfonie Nummer drei, auch „Schottische“ genannt, verzaubern zu lassen. Davor waren mir weder Saint-Säens noch Mendelssohn ein Begriff. Seit diesem Abend jedoch haben sie und ihre Musik einen ganz besonderen Platz in meinen Spotify-Playlists „Entspannen in der Badewanne“ und „Meisterwerke der Klassik zum Prokrastinieren und Zähne putzen“.  

Wissen’S was? Lassen wir das. 

Musik wird von Menschen erschaffen. Musik wird von Menschen gehört. Musik wird von Menschen geliebt. Oder auch gehasst, wenn’s blöd läuft. Rezensionen und Erlebnisberichte – ob in Zeitungen oder in Form einer Instagram-Story – erscheinen zumindest in pandemiefreien Kulturjahren am laufenden Band und manche davon werden sogar gelesen. Ich finde jedoch, wir Menschen sollten uns von Zeit zu Zeit mal zurücknehmen und jene zu Wort kommen lassen, die sonst nie die Gelegenheit dazu haben. Obwohl sie einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, ein einwandfreies Konzerterlebnis zu ermöglichen, fragen wir sie eigentlich nie nach ihrer Meinung. Warum eigentlich? Ich habe mich nach dem Konzert ein wenig im Stefaniensaal umgehört: 

War das Konzert nach Ihrem Geschmack? 

Zweiter von links (ein Kronleuchter): „Ein paar Mal habe ich mich ganz schön erschreckt bei den dramatischen Wechseln. Für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Regen. Nebel, Krieg und Tod. Zum zweiten Satz aber muss ich sagen: Es war mir ein Volksfest. Am liebsten hätte ich ein wenig mitgeschunkelt. Allerdings wollte ich dem Herrn direkt unter mir keine Angst einjagen. Der blickte ohnehin die ganze Zeit so skeptisch zu mir nach oben und fürchtete um sein Leben.“ 

Kronleuchter im Grazer Stefaniensaal
© Nikola Milatovic

Erster und zweiter Kronleuchter von links im Grazer Stefaniensaal

Zweiter von rechts (ebenso ein Kronleuchter): „Ehrlich gesagt war ich es, der um sein Leben fürchtete. Die ganze Zeit hatte ich ein bisserl Schiss, dem Herrn Dirigenten Hofstetter könnte vor lauter Enthusiasmus sein Taktstock auskommen.“

Wie haben Sie das Konzert erlebt?  

Parterre rechts, Reihe 6, Platz 13 (ein Stuhl): „Ich habe seit geraumer Zeit einen steifen Rücken. Verspannter als ich kann man nicht sein. Das schien auch die Dame zu stören, die auf mir saß. Sobald Herr Pejčić Hand an sein Cello anlegte, konnte sie sich ohne Probleme bequem in meine Lehne fallen lassen.“ 

Was wird Ihnen besonders gut in Erinnerung bleiben? 

Parterre rechts, Reihe 6, Platz 12 (ebenso ein Stuhl): „Im letzten Satz der Schottischen schien es, als würden die Schotten ihre Schlachten direkt im Saal ausführen. Sogar der Boden hat vibriert. Das kitzelt. Hihi.“

Der Parkettboden: „Das kann ich bestätigen. Ich zittere jetzt noch innerlich.“ 

Die Orgel: „Man möchte meinen, wer hinter den Musiker:innen sitzt, habe nicht den besten Blick auf die Bühne. Das mag stimmen. Dafür konnte ich bestens beobachten, wie sich der Saal während des Konzertes wandelte. Während Mendelssohns Symphonie schien es, als würden die Zuschauer plötzlich mitten im Grünen sitzen. Es war, als würde das Gold auf den Wänden vom dichten schottischen Nebel verschlungen werden. Als wären sie nicht mehr existent, gar überflüssig.“ 

Blick von der Orgel aus über das Orchester in den Stefaniensaal
© Werner Kmetitsch

Blick von der Orgel aus über das Orchester in den Stefaniensaal

Anmerkung der Redaktion: Die linke Wand und ihre Kollegin waren daraufhin leider schwer beleidigt und verweigerten jegliche Aussage. 

Was ist Ihre Meinung zum Konzert?  

Herr Franz Schubert (bzw. sein Abbild auf der rechten Wand): „Eine Meisterleistung. Muss neidlos anerkannt werden. Die Musiker:innen könnten allerdings mal ein bisschen weniger ernst dreinschauen.“ 

Herr Richard Wagner: „Kein Kommentar”. 

Die Reaktionen zur Aufführung Ihres Werkes sind fast einhellig positiv, teilweise sogar jene von Kollegen. Was sagen Sie dazu? 

Herr Felix Mendelssohn: … (Freudentränen rollen ihm über die gemalten Wangen) 

Herr Mendelssohn war so stolz, dass er kein Wort rausbrachte und vor Freude in Tränen ausbrach. Vielleicht war aber auch das Dach undicht und es tropfte ihm aufs Gesicht. Vielleicht wollte ich nur einen besonders kitschigen Abschluss für ein Interview finden, das womöglich niemals stattgefunden hat. 

Bildnis von Felix Mendelssohn im Grazer Stefaniensaal

Bildnis von Felix Mendelssohn im Grazer Stefaniensaal

Egal. Auf jeden Fall möchte ich allen Leser:innen nahelegen, beim nächsten Konzertbesuch die Augen noch etwas weiter aufzumachen und durch den Raum schweifen zu lassen. Musik macht nicht nur etwas mit uns. Musik verändert alles um uns herum, egal wie statisch es erscheinen mag. 

ZUR AUTORIN:

Die 26-jährige Autorin Franziska Pronneg kommt ursprünglich aus Deutschlandsberg, zog für ihr Studium der Transkulturellen Kommunikation aber nach Graz. Dort liebt sie es, zu flanieren und zu beobachten und schreibt Geschichten über Alltägliches und Kurioses, am liebsten im Dialekt. Ihre Begeisterung für die deutsche Sprache gibt sie beim Unterrichten von Deutschkursen weiter, doch auch anderen Sprachen kann sie einiges abgewinnen, und so studierte die vielversprechende Autorin nebenbei an der Slawistik in Graz. Sollte sie den Stift mal aus der Hand legen, ist Franziska wahrscheinlich beim Klettern und Wandern in den Bergen anzutreffen. 

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